"Nicht ohne uns über uns"

Waldo Bleeker, erster Vorsitzender des Kleingärtnervereins Oldenburg-Nord, über den Wert der Gartennutzung für ältere Menschen, einfache Methoden der Arbeitserleichterung - und wieso immer der Betroffene selbst gefragt werden sollte.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Garten barrierefrei gestalten wollen?
Wer einen Garten plant, sollte nicht über den Kopf des Betroffenen hinweg entscheiden. Eine Person im Rollstuhl weiß ganz genau, was im Garten oder auf der Parzelle des Kleingartenvereins sie will. Beispiel: Ein altes Ehepaar, beide über 80 Jahre und krank, belegten schon viele Jahre zwei Parzellen. Da sagt der Mann eines Tages zu mir: "Waldo, wir müssen die Parzelle abgeben, wir können nicht mehr." Am nächsten Tagen kommt er dann und sagt: "Waldo, was sollen wir denn zuhause? Auf dem Balkon sitzen und in die Gegend gucken? Dann können wir auch in die Kiste gehen!" Also haben wir eine Lösung gefunden. Eine Gartenhälfte wurde abgegeben, somit halbierte sich die Arbeit. Ich erzähle das, weil ich das sehr rührend fand. Das zeigt, wie wichtig es ist, draußen zu sein, im Garten, in der Natur.

Aber im Alter wird auch vieles beschwerlicher, oder?
Ja. Die alte Generation definiert sich heute noch oft so: Wenn ich nichts mehr kann, bin ich auch nichts mehr wert. Da befinden wir uns gerade in einem Wandel. Das neue Motto heißt: Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Und das ist auch beim Privatgarten so: Man kann ihn altersgerecht anlegen oder umgestalten, sodass man immer damit klarkommt.

Sie nehmen mit Ihrem Verband, dem Kleingärtnerverein Oldenburg-Nord, an einem Inklusionsprojekt der Stadt Oldenburg teil. Welche Erfahrungen haben sie dabei gemacht?
Was wir im Moment durchsetzen wollen, ist die Nicht-ohne-uns-über-uns-Partizipation. Denn die betroffenen Personen wissen selbst am besten, wie ein Garten eingerichtet werden muss, damit sie ihn weiter nutzen können. Wir hatten im Rahmen des Projekts Begehungen mit Rollstuhlfahrinnen und Menschen mit Rollator, Sehgeschwächten und Blinden. So haben wir jede Menge Informationen bekommen, zum Beispiel, dass es für Rollstuhlfahrer hauptsächlich um die Wege geht. Sie brauchen mindestens 1,25 m Breite und Ausweichmöglichkeiten für Rollstuhlgegenverkehr. Hochbeete sollten unterfahrbar und die Gartengeräte ergonomisch sein.
Für Blinde und Sehbehinderte gilt ein anderer Ansatz. Für den Blindenstock gibt es zum Beispiel Leitsysteme, deshalb forderte eine blinde Besucherin bestimmte Strukturen. Wenn der Weg zum Beispiel 1,50 m breit ist, sollte bei drei nebeneinanderliegenden Platten die mittlere Platte eine andere Oberfläche aufweisen als die äußeren Platten. Blinde arbeiten zudem sehr stark mit Gerüchen, deshalb kommen geruchsintensive Pflanzen zum Einsatz. Für Sehgeschwächte wiederum sind Kontraste und Farben sehr hilfreich.

Wie kann man denn gut und günstig einen barrierefreien Garten umsetzen?
Das geht mit vielen Dingen. Am Beispiel des Hochbeets: Im Baumarkt kann man Holzkomposte kaufen, die zusammensteckbar sind. Ein älteres Ehepaar hier in der Siedlung hat zwei zusammengesteckt, Folie hineingetan. Unten mit Hasendraht, dann kommen Sträucher, Erde und Kompost. Das wäre so eine einfache Form. Oder auch: Einen Tisch und darauf einen Kasten. Das kostet dann nicht viel und ermöglicht schon ein beschwerdearmes Arbeiten. Zum Beispiel für Rollstuhlfahrer ist es wichtig, dass sie überall dran kommen.

Das ist ein gutes Stichwort: überall herankommen. Wie ist das denn mit Obstbäumen?
Wie schon weitverbreitet, sind auch in unseren Gärten die niedrig wachsenden Obstbäume angesagt. Eine weitere gute Hilfe sind Apfelfangkörbe an langen Stangen. Das macht das Ernten leichter. Die Kosten zu anderen Baumarten liegen gar nicht so weit auseinander. Die Menschen werden einfach älter und können nicht mehr in Bäumen herumkraxeln. Generell gibt es da sehr viele unterschiedliche Formen, sie werden genauso gepflegt, wie andere Bäume. Ein Apfelbaum wird immer so beschnitten, dass da ein Hut durchfliegen kann, so sagt man als Gärtner. Dafür gibt es aber Anweisungen.

Wenn Sie einen Gärtner beauftragen: Wie wählen Sie den aus?
Ein guter Gärtner setzt sich mit den Leuten hin und bespricht erst mal, wie viel Zeit diese selbst aufwenden können. Und entsprechend gestaltet er dann den Garten. Zum Beispiel, ob ich eher einen Ziergarten, einen Nutzgarten oder einen Mischgarten haben will. Viele unterschätzen den zeitlichen Aufwand für die Gartenpflege auch einfach: Die Natur, da wächst ja alles. Und dann ist es so eine Vertrauenssache in diesem Moment.
Ein Bekannter pflegt hier in der Wohnsiedlung neben der Kleingartenanlage für mehrere Leute den Garten: Das ist dann so eine Vertrauenssache. Sind Menschen zufrieden mit der Arbeit des Gärtners, werden sie weiterempfohlen. In den Zeitungen gibt es überall die Anzeigen: Mache dies, mache das. Meine Erfahrung ist, dass man mal jemanden kommen lässt und ein Gespräch hat. Oder wenn man mal jemanden in der Umgebung sieht, der im Garten arbeitet. Dann kann man ja mal nachfragen: Wie ist der, was macht der?

Wie häufig benötigt denn ein eingeschränkter Mensch jemanden, der den Garten macht?
Das ist nach Größe und Art des Gartens individuell unterschiedlich. Einmal in 14 Tagen muss ein Gärtner bestimmt kommen, wenn es um Beete und Unkraut geht, Rasen mähen, Platten säubern. Ein bis zwei Stunden reichen da. Da ist man ja dann immer dran am Wachstum. Dann macht er fast alles und der Besitzer kann sich dann in den Garten setzen. Wenn es jetzt auch noch darum geht, Gemüse anzupflanzen oder ganz bestimmte Blumensorten, die viel gepflegt werden müssen, dann erhöht sich die Arbeitszeit natürlich.

Über Waldo Bleeker
Waldo Bleeker, Jahrgang 1950, ist erster Vorsitzender des Kleingärtnervereins Oldenburg e. v. Im Rahmen von "Oldenburg will Inklusion" beauftragte der Rat der Stadt Oldenburg 2012 die Stadtverwaltung zusammen mit Bürger und Bürgerinnen einen "Kommunalen Aktionsplan Inklusion" zu erstellen und umzusetzen. In diesem Rahmen beteiligt sich auch der Kleingartenverein aktiv. Seit 15 Jahren arbeitet Waldo Bleeker als Theaterpädagoge und Musiker mit Menschen verschiedener Generationen, verschiedener kultureller Herkunft sowie mit Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen.
Viele Kleingartenfreunde sind im Bundesverband Deutscher Gartenfreunde (BDG) organisiert. In ihm sind 20 Landesverbände mit über 15.000 Kleingarten-Vereinen zusammengeschlossen.

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Datum: 15.01.2016 | Autor: Jörg Stroisch


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