"Fragen müssen vor Ort geklärt werden"

Gerold Jilg, bis Oktober 2015 Prüflaborleiter Fördertechnik bei der TÜV Süd Industrie Service GmbH, über Aufzugslösungen für den privaten Bereich, häufig auftretende Probleme bei der Planung und Umsetzung – und der zu starken Preisorientierung des Bauherren.

Welche Lösungen für einen Aufzug bestehen im privaten Bereich des Ein- bis Zweifamilienhauses?
Es gibt im privaten Bereich drei Arten von Aufzügen: erstens den Sitzlift, bei dem man sich auf einen Sitz setzt und dafür ggf. aus einem Rollstuhl aussteigen muss; zweitens den Plattformlift, der sich auch mit Rollstuhl benutzen lässt; drittens den senkrechten Aufzug.

Was sind denn wichtige Voraussetzungen, damit ein Einbau gelingt?
Man braucht grundsätzlich eine Mindestbreite der Treppe von 80 cm, um eine Plattform- oder Sitzlift einzubauen. Berücksichtigt werden muss zudem, wie steil die Treppe ist und wie die Kurvenradien sind. Am einfachsten gestaltet sich der Einbau, wenn die Treppe gerade nach oben führt. Ein weiterer wichtiger Punkt: Im Erdgeschossbereich gibt es häufig Probleme mit der Wohnungstür, die durch den Treppenlift blockiert wird. Solche Fragen sind direkt vor Ort zu klären, um dann eine geeignete Lösung zu finden.

Welche Kosten entstehen durch einen Sitz- oder Plattformlift sowie einen senkrechten Aufzug?
Für einen Sitzlift über zwei Stockwerke fallen zwischen 7.500 und 15.000 EUR an, für einen Plattformlift zwischen 10.000 und 15.000 EUR. Ein senkrechter Lift ohne Fahrkorbtür ist ab 15.000 EUR und ein senkrechter Lift mit Farbkorbtür ab 25.000 EUR zu bekommen. Die Baunebenkosten hängen vom Lifttyp und von der Ausstattung ab, bei senkrechten Aufzügen – mit oder ohne Fahrkorbtür – machen sie etwa 15.000 EUR aus.

Was ist denn bei den drei Aufzugtypen nach Einbau in Bezug auf Sicherheit und Wartung zu beachten?
Jedes technische Gerät braucht eine regelmäßige Wartung. In welcher Form dies sinnvoll ist, hängt vor allem von der Frage ab, wie oft der Aufzug benutzt wird. Klassischerweise befinden sich im Einfamilienhaus das Schlafzimmer und Bad im ersten Stock, Küche und Wohnzimmer im Erdgeschoss. In diesem Fall wird der Treppenlift vielleicht viermal am Tag eingesetzt. Im Normalfall reicht dann eine halbjährliche Wartung aus.
Aufzüge mit einer Förderhöhe von 3 m und mehr sind generell überwachungspflichtig. Das heißt, sie müssen bei einer zugelassenen Überwachungsstelle wie etwa TÜV Süd angemeldet und wiederkehrend – alle 24 Monate – von einem Sachverständigen geprüft werden. Wenn der Treppenlift nur ein Stockwerk überbrückt, wird diese Höhe in der Regel nicht erreicht. Dann muss die Anlage im gleichen Intervall durch eine sachkundige Person geprüft werden; das kann ein Sachverständiger von TÜV Süd, aber beispielsweise auch ein Monteur der Wartungsfirma sein.

Das kostet Geld: Wie teuer sind Wartung und Prüfung?
Die Kosten für Wartung und Prüfung dürften pro Jahr etwa 500 EUR betragen. Bei der Wartung hängt die Höhe stark davon ab, wo sich der Wartungsbetrieb befindet und welche Fahrtkosten anfallen.

Was sind denn aus Ihrer praktischen Erfahrung heraus klassische Fehler, die ein privater Bauherr macht, der sich mit der Frage beschäftigt, ob er einen Aufzug oder Lift einbauen soll?
Am meisten wird immer über die Preisfrage nachgedacht. In Deutschland wählen Bauherren häufig die billigste Lösung, aber ob das dann immer die beste ist? Sinnvoll wäre es, sich für die Planung mit einem Montagebetrieb und vielleicht auch dem Mitarbeiter einer zugelassenen Überwachungsstelle zusammenzusetzen. Dann sollte erst einmal diskutiert werden, was für den Bauherrn in seiner Situation das Optimum ist. Das hängt zum einen von den baulichen Gegebenheiten ab, zum anderen von der Art der körperlichen Beeinträchtigung.
Ein weiterer Klassiker: Es kommt immer wieder vor, dass der Eingangsbereich des Hauses nicht rollstuhlgerecht ist, etwa weil eine Stufe zur Haustür führt oder es zu wenig Bewegungsfreiheit vor dem Aufzug gibt. Menschen im Rollstuhl können sich je nach Art ihrer Beeinträchtigung unterschiedlich gut bewegen, einige können beispielsweise keine engen Kurven fahren. Ein Bauherr sollte versuchen, sich bei der Planung in die Lage eines Rollstuhlfahrers zu versetzen, vielleicht sogar vor Ort selbst einen Rollstuhl benutzen. Das eröffnet ganz neue Blickwinkel für die Probleme, die bei der Realisierung eines Treppenlifts auftauchen können.

Gibt es denn dennoch auch beim Preis Dinge, die man beachten sollte?
Man darf nie nur den Einkaufspreis sehen, sondern muss auch die Folgekosten im Blick behalten. Diese sollten hochgerechnet werden. Beispiel: Wenn der Montagebetrieb aus einer weit entfernten Gegend kommt, dann wird es schnell sehr teuer, wenn etwa ein Fehler in der Technik auftritt. Und technische Probleme kommen immer wieder vor. Der Bauherr sollte auf jeden Fall mehrere Angebote einholen und sich die Folgekosten auf zehn Jahre hochrechnen lassen. Bei der Auswahl der Wartungsbetriebs sollte man auch darauf achten, wie schnell dieser reagieren und technische Probleme beheben kann.

Jetzt ist ja oftmals das Anliegen, ein Haus barrierefrei zu gestalten, aus einer Notsituation entstanden. Wie viel Zeit muss man denn einplanen?
Wenn man von Null anfängt, ist eine Planungszeit von etwa sechs Wochen notwendig. Der Einbau selbst dauert nur zwischen 24 und 48 Stunden. Allerdings: Je mehr man unter Druck steht, desto mehr Fehler macht man auch. Daher ist es sinnvoll, sich frühzeitig mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Eine andere Vorgehensweise gibt es beim vermieteten Mehrfamilienhaus. Was sollte sich der Vermieter überlegen, wenn er einen Aufzug einbauen will?
Einen Aufzug nach Maschinenrichtlinie, zum Beispiel einen Treppenlift, kann der Vermieter auch im Mehrfamilienhaus einbauen,wenn die räumlichen Gegebenheiten das zulassen und die Vorgaben der jeweiligen Landesbauordnung eingehalten werden. Die Aufzüge nach Aufzugsrichtlinie - also das, was wir normalerweise als Aufzug kennen – können nachträglich ins Haus eingebaut oder mit einem Glasschacht oder Betonschacht an das Haus angebaut werden. Welche Alternative möglich ist, hängt vom Gebäude ab. Diese Aufzüge kosten ab 30.000 Euro aufwärts, je nach Anzahl der Etagen – und ohne Baunebenkosten. Mit Baunebenkosten würde ein Aufzug über vier Etagen ab 50.000 Euro kosten.

Was sind denn hier klassische Probleme?
Oft ist es bei einem nachträglichen Einbau nur möglich, die Zwischenetagen mit dem Aufzug anzufahren. Das ist dann natürlich gut, wenn man einen Kasten Wasser in die oberen Etagen bekommen möchte. Für eine Person mit Rollator, Kinderwagen oder für einen Menschen im Rollstuhl ist das aber keine befriedigende Lösung, weil immer noch Treppen zu überwinden sind. Ein weiterer Fehler: Es gibt viele Aufzüge in einem angebauten Glasschacht. Der Glasschacht kann die Kälte in die Vorräume übertragen, so dass sich hier z.B. Kondenswasser bildet. Bei solchen Lösungen muss man die bauliche Situation ganz genau betrachten. Gleiches gilt für Betonschächte, die man vor das Haus setzt und über Brücken mit dem Treppenhaus verbindet. Auch hier wird die Kälte in die Vorräume übertragen.

Wie kann denn der Bauherr einen geeigneten Monteur Montagebetrieb auswählen?
Am besten ist es, wenn man sich Referenzanlagen nennen lässt. Dann kann man den Treppenlift möglicherweise ausprobieren und sich mit den Personen unterhalten, die diesen Aufzug schon längere Zeit benutzen. Dadurch erfährt man am schnellsten, wie zuverlässig die Anlage ist, und wie zuverlässig und schnell die Wartung und Reparatur ausgeführt werden. Und natürlich sollte der Bauherr sich mehrere Angebote kommen lassen und miteinander vergleichen.

Über Gerold Jilg:
Gerold Jilg, Jahrgang 1951, war bis Oktober 2015 Prüflaborleiter Fördertechnik bei der TÜV Süd Industrie Service GmbH. Er studierte bis 1978 in München das Fach allgemeiner Maschinenbau.
TÜV Süd ist ein führender Prüf- und Zertifizerungsdienstleister. Bereits 1866 wurde die Vorläuferorganisation als Dampfkesselrevisionsverein gegründet. Heute beschäftigt das Unternehmen weltweit mehr als 22.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete im Jahr 2014 einen Konzernumsatz von über zwei Milliarden Euro.
www.tuev-sued.de

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Datum: 06.02.2016 | Autor: Jörg Stroisch


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