"Barrierefreiheit umfasst weit mehr als rollstuhlgerecht"

Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg, über den Unterschied von Barrierefreiheit und rollstuhlgerecht, Leitlinien für die barrierefreie Planung – und häufigen Fehlern bei der Umsetzung.

Barrierefreiheit = rollstuhlgerecht? Wo liegen die Unterschiede?
Barrierefreiheit umfasst weit mehr als nur rollstuhlgerecht. Barrierefreies Bauen ist keine Sonderbauform für behinderte und alte Menschen, sondern ein Bauen für alle. Menschen sollen selbstbestimmt und ohne fremde Hilfe zurechtkommen. Barrierefreies Bauen berücksichtigt die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderung, Blindheit, Hörbehinderung oder mit motorischen Einschränkungen sowie von Menschen, die Mobilitätshilfen wie zum Beispiel Rollstuhl oder Rollator nutzen. Barrierefreiheit hat aber auch die Belange von Menschen mit kognitiven Einschränkungen, mit Kinderwagen oder schweren Gepäck oder auch Kinder, klein- und großwüchsige Menschen im Blick.
Rollstuhlgerecht bedeutet insbesondere stufenlose Zugänge, ausreichend Bewegungsfläche vor allem in Sanitärräumen, vor Möbeln und Bedienelementen, breite Türen und Unterfahrbarkeit von Waschbecken. Beim barrierefreien Bauen geht es auch um gute Lichtverhältnisse, Kontraste, Akustik sowie um Orientierungshilfen. Zur Umsetzung gibt es bestimmte Standards, die in DIN-Normen beschrieben sind.

Worin unterscheiden sich die Ansprüche von körperbehinderten Menschen und zum Beispiel altersbedingt gebrechlichen Menschen?
Die Ansprüche an barrierefreies Bauen sind größtenteils identisch. Die Landesbauordnung Baden-Württemberg fordert beispielsweise beim Neubau von Geschosswohnungen, dass ein Teil der Wohnungen barrierefrei zugänglich und nutzbar sind. Diese Wohnungen müssen sozusagen bauliche Mindeststandards erfüllen, so dass sie von allen Menschen gleichermaßen gut genutzt werden können. Geht es aber um die Anpassung von Wohnraum an die eigenen Bedürfnisse, so kann die DIN-Norm wertvolle Leitlinie sein. Ein Rollstuhlnutzer braucht beispielsweise zwingend ein rollstuhlgerechtes WC, während vielleicht eine Toilettenerhöhung für einen altersbedingt gebrechlicher Menschen völlig ausreicht. Die Faustregel heißt: hinkommen, reinkommen, zurechtkommen.

Wo sehen Sie generell Handlungsbedarf vonseiten der Politik?
Wir werden alle älter. Die Lebenserwartung steigt. Der Anteil der älteren Menschen in unserer Gesellschaft steigt. Dieser demografische Wandel ist eine Herausforderung und daher verändert sich auch unsere Anforderungen an Gebäude. Sowohl Familien mit einem Kinderwagen als auch körperbehinderte oder altersbedingt gebrechliche Menschen wissen einen Aufzug in einem Gebäude zu schätzen. Bundesweit fehlen jedoch barrierefreie Wohnungen. Die Politik kann durch Förderprogramme für barrierefreies Bauen und Renovieren helfen. Denkbar sind Zuschüsse, zinsgünstige Darlehen und steuerliche Anreize.

Wie wählen Sie Dienstleister aus, wenn Sie Handwerksarbeiten umsetzen lassen wollen?
Immer mehr Handwerkbetriebe erkennen für sich das Potenzial, ihre Dienstleistungen an die Anforderungen der älter werdenden Bevölkerung anzupassen. In vielen Regionen gibt es beispielsweise gemeinsame Aktionen der Seniorenräte und der Handwerkskammern wie "seniorenfreundlicher Service" oder "seniorenfreundlicher Fachbetrieb". Ein solches Zertifikat erhalten die Handwerksbetriebe, wenn sie eine von den Seniorenräten erstellten Anforderungskatalog erfüllen. Alle paar Jahre wird überprüft, ob die Voraussetzungen noch erfüllt sind. Die Handwerksbetriebe werben mit dem Logo.

Stichwort Haus: Welche Barrieren oder nützliche Hilfen werden hier oft vergessen?
Gerade der Platz, der benötigt wird, wird sehr oft unterschätzt. Es ist einfach so, dass ein Rollator oder Rollstuhl auch Bewegungsfreiheit benötigt, damit ein Wenden möglich ist. Zusätzlich sind es viele Kleinigkeiten, die alten und gebrechlichen Menschen das Leben schwer machen: etwa ein Briefkasten oder Klingelknopf, der nicht wirklich gut erreichbar ist, oder ein sehr kontrastarmes Treppenhaus, welches einfach die Orientierung erschwert. Überhaupt sind gute Lichtverhältnisse wichtig.

Stichwort Garten: Muss ein körperlich eingeschränkter Mensch auf sein Gartenhobby besser verzichten?
Nein, auf keinen Fall! Gärtnern ist gesund und für viele Menschen ist der eigene Garten das reinste Lebenselixir. Wer seinen Garten ein bisschen umgestaltet, kann diesen auch im hohen Alter und bei körperlicher Einschränkung nutzen. Wir empfehlen unterfahrbare Hochbeete – also quasi das "Gärtnern ohne Bücken" -, breite, rutschfeste und gut berollbare Wege sowie ausreichend Bewegungsfläche.

Über Jutta Pagel-Steidl
Jutta Pagel-Steidl, Jahrgang 1963, ist ausgebildete Diplom-Verwaltungswirtin. Sie ist seit 1995 Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg. Pagel-Steidl vertritt zum Beispiel auch die baden-württemberigschen Behindertenorganisationen im Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR), der zweitgrößten Landesrundfunkanstalt innerhalb des Senderverbundes ARD.
Der Verein wurde 1966 als Selbsthilfeorganisation von Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen und deren Familien gegründet. Heute sind im dort 41 regionale Organisationen mit rund 5.000 Einzelpersonen Mitglied. Eine umfassende Barrierefreiheit sieht der Verband als Voraussetzung für die volle und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. Deshalb engagiert sich der Verband seit Jahrzehnten für ein Leben ohne Barrieren.
www.lv-koerperbehinderte-bw.de

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Datum: 15.01.2016 | Autor: Jörg Stroisch


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