Rolf Schettler Fotoquelle: Pressefoto
Rolf Schettler Foto: Pressefoto

"Jede einzelne reduzierte Barriere ist schon mal ein Vorteil"

Rolf Schettler, stellvertretender NRW-Landesvorsitzender des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen, über das Unterangebot an barrierefreien Wohnungen in Deutschland, warum Vermieter dankbar sind, wenn ein Mieter lange in der Wohnung bleibt - und wie schon kleine Maßnahmen dazu beitragen können.

Wo geht denn der Zug hin, was ist die Zukunft beim Thema Barrierefreiheit?
Ein ganz großer Trend ist die Notwendigkeit der energetischen Sanierung von Gebäuden. Das ist gerade auch bei barrierefreier Modernisierung alles andere als ein Nebenthema. Meine Grundthese lautet: Wenn man einmal anfängt, am Gebäude etwas zu machen, ein Gerüst aufstellt, dann sollte man nicht zu eindimensional herangehen und gleich an die Reduzierung von Barrieren denken. Denn der zweite große Trend ist der demografische Wandel. Und wenn wir verhindern wollen, dass alle älteren Menschen in heimähnlichen Strukturen untergebracht werden, müssen wir entsprechenden Wohnraum schaffen.

Das ist ja nun fast schon eine politische Forderung …
Es wäre es mir etwas zu billig, nur Forderung an die Politik zu stellen. Natürlich hat die Wohnungswirtschaft einen Versorgungsauftrag und das ist auch ihr unternehmerischer Auftrag. Wenn wir erkennen, dass eine spezifische Zielgruppe einen hohen Bedarf hat und unterversorgt ist, dann besteht das Gebot zu ganz normalem wirtschaftlichem Handeln, hier ein Angebot zu schaffen. Das wird allein über den Neubau nur unzureichend gelingen, auch im Bestand müssen Barrieren reduziert werden.

Es besteht also eine Unterversorgung?
Absolut. Im Vergleich zu europäischen Nachbarländern ist Deutschland unterversorgt. In den Niederlanden sind etwa 5 % der Wohnungen barrierefrei. In Deutschland steht wenn überhaupt die Zahl Eins vor dem Komma, manche Studien gehen sogar nur von einer Null vor dem Komma aus. Wobei ich einschränken muss: Wir stecken in Deutschland in einem Statistikdilemma. Denn alles, was von privater Seite gemacht wird, ist nicht genehmigungs- oder anzeigepflichtig. Insofern kann der Staat das gar nicht zur Kenntnis nehmen – die Zahlen basieren vor allem auf Schätzungen.

Würde Barrierefreiheit unter diesen Umständen einen Wettbewerbsvorteil bedeuten?
Ja, das wäre eigentlich logisch. Aber leider funktionieren Märkte nun mal nicht so. So berichten immer wieder Bauträger, dass sie gerne barrierefrei bauen wollen, aber die klassische Zielgruppe Familie mit Kindern den Mehrwert nicht erkennt und nicht bereit ist, eventuelle Mehrkosten zu tragen. Wer sein Eigenheim für die Barrierefreiheit vorrüsten will, sollte das schon beim Neubau machen. Das geschieht leider noch viel zu selten. Aber nicht alles – und das ist die erfreuliche Nachricht – kostet mehr Geld. Vieles lässt sich einfach durch intelligente Planung lösen. Es war über Jahrzehnte in der Architektur gesetzt, dass mindestens eine Stufe zur Wohneingangstür führen musste, damit bei Regen kein Wasser in die Diele hineingedrückt werden konnte. Das hat dazu geführt, dass Generationen von Architekten im Grunde schon eine erste unnötige Barriere beim Betreten des Hauses aufgebaut haben. Diese Barriere wegzulassen kostet keinen Euro mehr.

Bildet sich die Barrierefreiheit eines Hauses oder einer Wohnung adäquat in einer höheren Miete oder einem höheren Preis ab?
Die Zielgruppe, die wirklich bereit ist, für solche Dinge zu bezahlen, ist die, bei der genügend Leidensdruck besteht. Diese Menschen folgen einer Vermeidungsstrategie, sie wollen nicht ins Heim. Deshalb sind sie bereit, höhere Mieten zu akzeptieren. Nur die Hardware alleine ist für diese Zielgruppe aber auch nicht die Lösung. Barrierearmut muss mit der Vermittlung von Betreuungsangeboten gekoppelt sein, zum Beispiel mit hauswirtschaftlichen und sozialen Betreuungshilfen. Die Vermieter müssen hier immer mehr Türen öffnen und Schnittstellen bieten. Das haben viele private und große Vermieter längst erkannt: Bleibt ein Mieter in seiner Wohnung kommt das allemal günstiger, als eine Wohnung neu zu vermieten. Denn anders, als es häufig geäußerte Thesen verheißen, ist es eben nicht so, dass bei jeder Neuvermietung die Miete um 10 bis 20 % steigen kann. Für die Mehrzahl der Wohnungen in Deutschland gibt es diese Option nicht. So gilt: Ein möglichst lange in der Wohnung verbleibender Mieter ist für den Vermieter ein Geschenk des Himmels.

Wir neigen vielleicht immer zu sehr dazu, mehr hardwareseitig zu denken. Sehen Sie da ein Umdenken?
Die Vermieter müssen sich nicht selbst um Pflegedienste kümmern, sondern es geht darum, funktionierende Netzwerke zu schaffen. Ich will es mal ganz platt sagen: In jedem Haus muss eine Liste mit ein paar Kontaktadressen von den in der Region erreichbaren Pflegediensten aushängen, vielleicht noch unterteilt nach haushaltswirtschaftlichen und pflegerischen Hilfsangeboten. Dann hat der Vermieter schon eine ganze Menge getan. Alles Weitere würde ihn überfordern, die meisten Vermieter würden das auch kategorisch ablehnen. Aber hier einen Einstieg zu schaffen, das muss möglich sein. Ihre These unterstütze ich voll: Wir denken einfach noch zu viel hardwareseitig.

Welche Formen der Barrierefreiheit werden besonders im Bestand häufig umgesetzt?
Das Bundesbauministerium hatte vor einiger Zeit eine Enquetekommission "Wohnen im Alter" einberufen, der ich auch angehört habe. Und diese Enquetekommission hat eine Studie beim Kuratorium Deutsche Altershilfe in Auftrag gegeben, um herauszufinden, in welche Bereichen der Wohnung eigentlich die meisten Probleme bestehen. Und hier wurde bestätigt, was man immer vermutet hat, dass eine überragende Mehrzahl der Problemmeldungen das Badezimmer betreffen. Die fehlenden Bewegungsflächen und vor allem die unnötigen Stolperkanten sind ein Problem. In vielen Badezimmern sind Badewannen oder sehr hohe Duschwannen eingesetzt, mit hoher Stolpergefahr. Da kann man sicherlich eine ganze Menge machen. Wenn ich mal die 60er-Jahre-Grundrisse als Beispiel nehme: Da hat man das Problem der geringen Fläche. Da kann man sich kaum umdrehen. Und das bekommen Sie in der Regel nicht nachgerüstet, wenn Sie nicht in den Grundriss insgesamt eingreifen. Also zum Beispiel zwei Wohnungen zu einer zusammenfassen und Zwischenwände herausnehmen. Oder aus einer Drei-Raum- eine Zwei-Raum-Wohnung machen, indem sie ein Zimmer zum Bad umfunktionieren oder es diesem zuordnen. Man kann hier Bewegungsflächen vergrößern, aber das ist oftmals mit viel Aufwand verbunden.

Das klingt natürlich teuer.
Natürlich. Und damit bekommen Sie Barrierefreiheit nur im Erdgeschoss hin. In anderen Etagen geht das ohnehin nur mit Aufzug. Und da ist man mit 60.000 Euro dabei, billiger geht es kaum. Aber es gilt trotzdem aus meiner Sicht: Jede einzelne reduzierte Barriere ist schon mal ein Vorteil. Und man muss auch über Kompensationsmittel nachdenken. Beispiel: Wenn man die klassischen zwei bis drei Stufen am Hauseingang hat, dann schafft man mit einem Geländer schon für ganz viele Personen die Möglichkeit, diese zu überwinden. Das sind zwar keine wirklichen Barrierereduktionen, aber es sind Hilfen, diese zu überwinden.

Wie unterscheidet sich das beim Neubau?
Die bodengleiche Dusche ist hier heute schon Standard. Mittlerweile fordert die Landesbauordnung auch Barrierefreiheit im Geschosswohnungsbau, so dass das bei den Architekten an sich als Generalthema angekommen ist. Dass man heute eine Stufe vor dem Hauseingang baut, ist nicht mehr üblich. Trotzdem ist das klassische Reihenhaus mit zwei Etagen nicht wegzudenken und ich rate hier auch nicht dazu, gleich einen Aufzug vorzusehen. Aber man sollte auf die Nachrüstbarkeit achten, damit man sich selbst nicht die Möglichkeiten verbaut. Das ist das sogenannte optionale Bauen. So können kleine Aufzüge - zum Beispiel Plattformlifte - auch ohne Schacht gebaut werden. Da ist die Aufzugsindustrie schon weiter, als wir glauben. Und für den kleinen Haushalt ist auch der offene Aufzug absolut akzeptabel. Das geht aber nur, wenn im Treppenhaus von Anfang an dafür genügend Platz vorgesehen wurde, das Treppenauge also diese Möglichkeit gibt. Wer das bei der Planung des Neubaus beachtet, behält alle Optionen, muss aber nicht sofort das Geld für einen Aufzug oder Lift investieren.

Was sind denn aus Ihrer Sicht als professioneller Immobilienbesitzer die häufigsten Schwierigkeiten beim Umbau zur Barrierefreiheit?
Die Grundrisse sind die größte Schwierigkeit. In den 70er-Jahren haben wir die Probleme mit dem relativ geringen Schallschutz. Dann muss ich auch nachdenken über Aufzüge. Da gibt es auch hervorragende Praxisbeispiele. Außerdem muss auch in der Elektrik mehr gemacht werden: Smart-Home-Techniken werden immer mehr an Bedeutung gewinnen, so dass der Bewohner sehr viel mehr und einfacher zum Beispiel mit seinem Arzt kommunizieren kann. Dabei gilt, man muss zielgruppenspezifisch herausfinden: Was will mein Mieter? Denn die allseitige Beglückungsstrategie, die wird nicht funktionieren. Die Menschen sind unterschiedlich.

Wie finden Sie denn geeignete Dienstleister?
Der Planer muss schon ein gewisses Verständnis für das barrierefreie Bauen haben. Wir stellen trotz vielfacher Fortbildungsangebote immer noch mit Erschrecken fest, dass viele Planer diese Dinge einfach nicht zu Ende denken, weil sie sich einfach nicht in die Situation eines mobilitätseingeschränkten oder eines seh- oder hörbehinderten Bewohners hineinversetzen können. Bei den Handwerkern muss man zwei Kategorien unterscheiden: Das eine sind die Handwerker, die ganz hervorragend für den Neubau geeignet sind. Aber es gibt eine andere Kategorie: Das sind Handwerker, die auch im bewohnten Bestand einsetzbar sind. Denn die müssen ein paar mehr Qualitäten haben: Sie müssen sehr viel Rücksicht auf den einzelnen Bewohner nehmen und sehr viel kommunizieren. Wie lange dauert der Badumbau, wie lange ist es nicht nutzbar? Kann er eine Möglichkeit schaffen, dass sich der Bewohner trotzdem dort reinigen kann? In vielen privaten Haushalten, da muss man auch realistisch sein, werden solche barrierefreie Umbauten, die womöglich sehr schlagartig notwendig werden, nicht mit einem Architekten realisiert. Das kann gelingen, wenn man das Glück hat, an die richtigen Handwerker zu gelangen.

Wie kann man den als privater Bauherr erkennen, ob da wirklich einer ist, der Ahnung hat?
Das ist in der Tat nicht ganz einfach, weil man ja als privater Bauherr in der Regel selbst nicht weiß, worauf kommt es an. Deswegen bieten eben gerade auch Institutionen wie die Handwerkskammer oder auch das Kuratorium Qualitätssiegel Betreutes Wohnen Beratungen an. Da ist man gut beraten, wenn man sich Best-Practise-Beispiele anschaut und das mit seinen Handwerkern bespricht. Hat der dann gute Referenzen, dann würde ich den auf der Liste ganz nach vorne setzen.

Und wahrscheinlich ist der Preis dabei auch nicht das ausschlaggebende Argument?
Das ist in der Tat so. Gerade bei der Fallkonstellation Eigenheim, älterer Bewohner, der ganz schlagartig die Notwendigkeit hat, seine Wohnung umzubauen. Für den ist in aller Regel der letzte 1000-Euro-Schein nicht das Argument. Für den ist es viel wichtiger, den Lebensrhythmus beizubehalten. Handwerker müssen das dann nicht unter extremen Preisdruck machen.

Über Rolf Schettler
Rolf Schettler, Jahrgang 1959, ist unter anderem stellvertretender NRW-Landesvorsitzender des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Kuratoriums Qualitätssiegel Betreutes Wohnen NRW und Mitglied des Hochschulrates der EBZ-BusinessSchool Bochum-Springorum. Als Geschäftsführer der Immobiliengruppe Schettler beschäftigt er sich sehr stark auch mit barrierefreiem Bauen und Umbauen.
Der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen vertritt seit 1946 vor allem die Interessen mittelständischer Immobilienunternehmen, also etwa Bauträger und Projektentwickler und Verwalter eigener und fremder Bestände. Nach eigenen Angaben sind die Mitglieder des Verbandes für 50 Prozent des Wohnungsneubaus in Deutschland verantwortlich.
www.bfw-bund.de

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Datum: 15.01.2016 | Autor: Jörg Stroisch


Auszug aus den Referenzen:

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