Wolfgang Szubin Fotoquelle: Verband Wohneigentum
Wolfgang Szubin Foto: Verband Wohneigentum

"Barrierefreiheit finanziell auf Wohneigentumsgemeinschaft umlegen"

Architekt Wolfgang Szubin vom Verband Wohneigentum über die Problematik des Schalls, häufige Fehler bei der barrierefreien Sanierung und wer sie in einer Wohneigentümergemeinschaft bezahlen muss.

Wie wichtig wird das Thema Barrierefreiheit für selbstnutzende Wohneigentümer in Zukunft?
Die Barrierefreiheit wird für Eigenheimbesitzer oder für Wohnungseigentümer so wichtig wie für Mieter. Alle werden älter und im höheren Alter nehmen natürlich die körperlichen Einschränkungen immer mehr zu. Da die meisten Menschen möglichst lange selbstbestimmt im eigenen Haus leben möchten, sollte die Immobilie die Voraussetzungen für ein möglichst beschwerdefreies Leben erfüllen. Zum Beispiel statt mit Stufen ebenerdig gebaut sein oder über Rampen und Lift verfügen. Auf schmale Türen, Räume und Flure verzichten. Über Handläufe und Haltegriffe verfügen und einen rutschhemmenden Boden haben. Wohnen ohne Barrieren erhöht aber auch die Lebensqualität jüngerer Generationen. Und wer von Anfang an barrierefrei plant und baut, spart sich später viel Geld für den Abbau von Barrieren.

Muss die Wohneigentümergemeinschaft beim Treppenlift zustimmen?
Der Einbau eines Treppenliftes ist eine bauliche Änderung. Da dieser Umbau meist am oder im Treppenhaus erfolgt, ist in jedem Fall die Eigentümergemeinschaft zu fragen, da diese Bauteile Gemeinschaftseigentum sind. Auch beim Anbau eines Außenlifts ist die Zustimmung erforderlich.

Was muss womöglich sogar die Wohneigentümergemeinschaft bezahlen?
Grundsätzlich hat ein behinderter oder eingeschränkter Wohneigentümer Anspruch darauf, dass er seine Wohnung in angemessener Weise erreichen kann. Das heißt, notfalls kann er auf den Einbau eines Lifts bestehen. Dennoch muss er einen Beschluss der Eigentümergemeinschaft herbeiführen, da diese jedenfalls bei der Art der Ausführung mitbestimmt. Maßnahmen zur Barrierefreiheit müssen dann auch finanziell auf die Wohneigentümergemeinschaft umgelegt werden.
Die Eigentümergemeinschaft muss sich grundsätzlich nur an Umbauten des Gemeinschaftseigentums beteiligen - also bei Treppenhaus, Keller, Tiefgarage, Türen und Fenstern - soweit sie von außen sichtbar verändert würden. Das Sondereigentum, also die Wohnung selbst und weitere Räume wie der jeweils zugewiesene Kellerraum, können vom Eigentümer nach eigenen Bedürfnissen und auf eigene Kosten umgestaltet werden.

Stichwort Schall: Wie kann man verhindern, dass zum Beispiel die Geräusche eines Rollstuhls im ganzen Haus zu hören sind?
In Eigentumsanlagen sollte grundsätzlich ein erhöhter Schallschutz eingebaut werden, da verschiedene Bewohner näher zusammen leben. Besonders wichtig sind hier zum Beispiel entsprechende Schallentkoppelungen der Treppenläufe, dickere Wohnungseingangstüren, dickere Treppenhauswände etc. Dann dürfte ein Rollstuhl kein Problem sein. Zudem können Rollstuhlfahrer die störenden Geräusche minimieren, indem sie mit gummibereiften und mit Luft gefüllten Reifen fahren. Bei weniger solidem Schallschutz sollten Möglichkeiten bei der Wahl der Hilfsmittel genutzt werden.

Was sind Problemfelder aus der Praxis bei der Planung einer barrierefreien Modernisierung im Eigenheim und in der Eigentumswohnung?
Gerade Wohngebäude aus den 50er- und 60er-Jahren sind schwer zu modernisieren. Diese Gebäudearten wurden seinerzeit mit dünnen Materialien und wenig Schallschutz gebaut. Darüber hinaus gibt es oft enge Treppenhäuser und kleine Bäder. Auch der Zugang in das Haus wird durch Treppenanlagen erschwert. Bei diesen Gebäuden sind hohe Aufwendungen und damit hohe Kosten bei Modernisierungen zur Barrierefreiheit zu erwarten. Änderungen des Grundrisses, um mehr Bewegungsfreiheit zu erhalten, bedeutet das Entfernen oder Versetzen von Wänden. Dabei können auch Versorgungsleitungen für Strom und gegebenenfalls Wasser und Abwasser betroffen sein, beispielsweise beim Verlegen bzw. Umbau eines Bades.
Ein weiterer Aspekt: Um überhöhte Kosten beim Abbau von Barrieren zu vermeiden, ist eine rechtzeitige Planung wichtig. Körperliche Einschränkungen, die bauliche Veränderungen nötig machen, deuten sich oft langsam an. Es ist ratsam, sie ernst zu nehmen und dann vorausschauend zu planen.

Was ist eine besonders günstige Möglichkeit große Effekte zu erzielen?
Die oft nur wenigen, aber behindernden Stufen vor dem Hauseingang sollten beseitigt werden. Geländer an einer Treppe - möglichst an beiden Seiten – bieten Halt. Rutschsicherer Bodenbelag statt glatter Fliesen gibt mehr Sicherheit. Auch die Beleuchtung kann mit geringem Aufwand deutlich verbessert werden, zum Beispiel durch Sensoren, die automatisch auf Dunkelheit und/oder Bewegung reagieren. – Das sind Erleichterungen von meist geringen Kosten bei hohem Nutzwert.

Über Wolfgang Szubin
Architekt und Diplom-Ingenieur Wolfgang Szubin (Jahrgang 1953) studierte bis 1976 Architektur an der Fachhochschule Bochum, seit 1980 ist er in der Architektenliste der Architektenkammer NRW gelistet. 1980 gründete er sein Architekturbüro. Seit 1996 ist er staatlich anerkannter Sachverständiger für Wärme und Schallschutz, seit 1997 Mitglied im Gutachterausschuss der Stadt Recklinghausen. Nach verschiedenen anderen Funktionen betätigt sich Szubin seit 1998 als Mitglied im Präsidium des Verbandes Wohneigentum. Der Verein tritt für die Förderung und den Erhalt des selbstgenutzten Wohneigentums ein, berät zudem Bauherren und Wohneigentümer. Bundesweit vertritt der Verband nach eigenen Angaben 350.000 Mitglieder.
www.verband-wohneigentum.de

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Datum: 15.01.2016 | Autor: Jörg Stroisch


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