"Barrierefreies Bad ist gleichzeitig komfortabel und sehr schick"

Matthias Thiel, Referatsleiter Betriebswirtschaft, Datenmanagement und Demografischer Wandel im Zentralverband Sanitär Heizung Klima, über das Stigmatisierende an dem Thema Barrierefreiheit, moderne und schicke Lösungen – und worauf gerade bei Licht und Farben geachtet werden sollte.

Wo liegen nach Ihrer praktischen Erfahrung besondere Tücken, wenn ich ein Bad barrierefrei gestalten will?
Es hängt stark davon ab, für wen das Bad ist, zum Beispiel ob es sich um eine Person handelt, die ihr Bad umbaut, weil sie es sich leisten will, und noch relativ mobil ist. Gerade Ende September schrieb eine Berliner Zeitung davon, dass Menschen im Alter 65 plus Marathon laufen – und sich innerhalb der letzten zehn Jahre dabei sogar noch zeitlich verbessert haben. Oder soll das Bad für jemanden umgestaltet werden, der auf Pflege angewiesen ist und zuhause mobil gepflegt wird.

Der agile 65-Jährige denkt vielleicht noch gar nicht an Barrierefreiheit: ein Fehler?
Genau. Wenige in diesem Alter bauen ihr Bad präventiv so um, dass zum Beispiel im Bereich der Elektroinstallation später mehr möglich ist. Oder achten darauf, dass es auch ein Mehr an Bewegungsräumen gibt, dass die Türen breiter und schwellenlos sind, der Boden rutschfest ist oder die Wand so stabil gebaut wird, dass später einfach Haltegriffe eingeklinkt werden können. Das wäre aber sehr vorausschauend.

Gut, Barrierefreiheit erinnert ja auch an Pflegebedürftigkeit. Damit möchte man sich vielleicht auch nicht unbedingt beschäftigen …
Das Thema Pflege blendet jeder aus. Jeder will so lange wie möglich eigenständig bleiben, keiner möchte gewaschen oder gepflegt werden. Barrierefreiheit hat daher etwas Stigmatisierendes. Die Menschen sind regelrecht beleidigt, wenn ein Handwerker Haltegriffe empfiehlt. Es ist folglich sehr großes Einfühlungsvermögen notwendig.

Wie könnte man diese Art von Bau und Umbauten denn nennen?
Das Wort "Barrierefreiheit" ist schon sehr stark positioniert, erinnert an Krankenhaus und so Ähnliches. Inhaltlich ist der Begriff an sich nicht negativ belegt, aber alles, was hineininterpretiert wird an Folgen. "Willst du nicht mal dein Bad barrierefrei umbauen?" "Das brauche ich nicht, ich bin doch noch fit. Das mache ich dann, wenn es nötig ist." Das sagen selbst Menschen im Alter von 80 Jahren. Barrierefreiheit, ich sage es jetzt mal ein bisschen drastisch, wird als Vorstufe zur Pflege interpretiert. Wir betonen deshalb in der Sanitär-Heizung-Klima-Branche viel stärker den Komfortaspekt. Wenn ich mir etwas Gutes gönne, ist das schick – und zugleich nützlich. Es gibt tolle Lösungen, die barrierefrei und Design kombinieren. Ein barrierefreies Bad ist also gleichzeitig komfortabel und sehr schick.

Also muss ein barrierefreies Bad nicht wie Altenheim oder Krankenhaus aussehen? - Nennen Sie doch mal Beispiele.
Also, es ist schon sehr stigmatisierend, wenn Haltegriffe in den Raum hineinragen. Aber wieso nicht mit zusätzlichen Funktionen kombinieren, zum Beispiel dem Toilettenrollerhalter oder einem Handtuchhalter? Oder ich habe keine Haltegriffe am Waschbecken, sondern dort sind Griffmulden eingelassen. Da gibt es von den Herstellern wirklich sehr schöne und ästhetische Produktentwicklungen ...

Was gibt es da denn bei der Farbgebung im Bad für Lösungen oder gute Kompromisse, um von der Farbästhetik her einerseits barrierearm zu sein, andererseits eben auch nicht eine Krankenhausatmosphäre zu haben?
Ein starker Kontrast ist sehr wichtig, wenn die Sehfähigkeit nachlässt oder bei Demenzerkrankten zur Orientierung. Ein guter Trick ist, sich hier einfach eine Schwarz-weiß-Fotografie anzuschauen: Wenn die Farben gar nicht mehr unterscheidbar sind, ist das sicherlich schlecht. Aber es gibt natürlich gute Kontraste: Weiß-blau , gelb-blau, weiß-rot, schwarz-weiß ist möglich. Rot-Grün ist nicht zu empfehlen wegen der Rot-Grün-Blindheit. Eine Idee ist es zum Beispiel, den Hintergrund sehr dunkel zu gestalten und davor einen weißen Waschtisch zu positionieren. Das sieht dann teilweise sehr, sehr schick, modern aus – und ist trotzdem sehr gut für die Barrierefreiheit.
Bei Kontrasten geht es dann auch um Licht. Blendfreies, schattenarmes Licht ist wichtig. Es geht aber auch mit viel Ambiente und einer indirekten Beleuchtung. Es hängt eben davon ab, ab wann es um Orientierung gehen muss, oder ob es auch eher noch um Spaß, Komfort und Luxus geht. Unsere Handwerker beraten dazu individuell nach den Bedürfnissen.

Was sind denn Mindeststandards für ein barrierefreies Bad?
Diese kann man sicherlich in den entsprechenden DIN-Normen nachlesen. Diese möchte ich jetzt nicht zitieren. Grundsätzlich sollten entsprechende Bewegungsflächen sowie eine Schwellenlosigkeit u.a. bei der Tür und Dusche erreicht werden. Auch ausreichend Ablagen und Haltemöglichkeiten sind wichtig. Stolperfallen wie Teppiche oder Kabel sollten verhindert werden. Hinzu kommt eine leichte Bedienbarkeit (Erreichbarkeit) von z.B. Armaturen und Schaltern. Eine schwellenlose Dusche zum Beispiel ist schon sehr stark nachgefragt. Im Sitzen am Waschtisch sollte man sich im Spiegel noch sehen können. Dann eine hohe Rutschfestigkeit, mindestens R 9 oder höher. Das müssen nicht immer Fliesen sein, es gibt dort auch andere Materialien, die sehr schön sind und dennoch wasserabweisend, also rutschfest. Dann möglichst wenig Kanten, an denen man sich stoßen kann.

Die Waschmaschine, die dann noch irgendwo im Weg herumsteht, ist dann vielleicht auch nicht die beste Idee?
Das Thema zeigt sehr gut, dass es immer auch eine individuelle Frage ist. Wenn jetzt ein älterer Mensch immer erst in den Keller herunter muss, um Wäsche zu waschen, ist das eben auch alles andere als optimal. Ein SHK-Unternehmer hat mir genau diesen Fall geschildert und das eben so begründet, warum er trotz der Anforderung der Barrierefreiheit die Waschmaschine eben doch im Bad belassen hat.

Viele Menschen baden gerne, aber das ist ja mit einer hohen Hürde verbunden. Ist dann mit der Barrierefreiheit die Badewanne passé?
Baden ist gesund und hat unter anderem auch einen wichtigen Einfluss auf die Stimmungslage des Betreffenden. Ich bade auch lieber als duschen, wenn ich Zeit habe und wählen kann. Es gibt schon Lösungen, wie Sitzbadewannen oder Liegewannen, zum Beispiel mit Türen. Da muss ich dann aber warten, bis das Wasser ausgelaufen ist und friere womöglich. Dann gibt es auch Aufstehhilfen oder eingehängte Sitze. Optimal ist das häufig nicht, aber es gibt da natürlich auch Lösungen. Praktischer ist es natürlich, wenn ich lieber stattdessen die bodenebene Dusche einbaue. Duschsitze und Hocker sind dazu kombinierbar.

Jetzt sind ja Bäder sehr unterschiedlich geschnitten. In den 60er-/70er-Jahren sind sie oft sehr klein gebaut worden. Ist denn da überhaupt eine komplette Barrierefreiheit mit realistischem Geldaufwand hinzubekommen?
Es hängt davon ab, an was Barrierefreiheit festgemacht wird. Die DIN18040 lässt sich im Bestand zu 80 Prozent nicht umsetzen. Das wird mittlerweile selbst in den Förderprogrammen akzeptiert. Es ist einfach unmöglich, bei einem Schlauchbad von 2 x 4 Metern alleine die Vorschriften zur Bewegungsfreiheit hinzubekommen. Aber wenn ich hier die Wanne wegnehme, eine bodengleiche Dusche einbaue, dann gewinne ich auch hier viel Raum. Gerade, wenn die Dusche eben mitgenutzt wird für die Bewegungsfreiheit. Unsere Handwerke die können hier eigentlich auch nur Problemlöser und die individuellen Wünsche mit berücksichtigen. Es ist nahezu unmöglich, hier einfach Standard-F anzulegen, sondern es sind immer sehr individuelle Bäder.

Wie finde ich denn jetzt einen guten und kompetenten Handwerker?
Wir als SHK-Organisation schulen unsere Betriebe, wir haben ein Fachbetriebskonzept Barrierefreies Bad aufgelegt. Die Betriebe werden da in Krankheitsbildern geschult und in der Frage, welche baulichen Maßnahmen wann notwendig sind. Wichtig dabei ist auch das Thema Trinkwasserhygiene und Schimmelprävention.
Das Thema Entlassungsmanagement ist dabei natürlich auch ein großes Thema. Der Betroffene wird aus dem Krankenhaus entlassen und benötigt nun schnell ein barrierefreies Bad. Gibt es dafür eine Förderung? Welche Pflegestufen? Das sind riesige bürokratische Hürden in einer solchen Situation. Wir versuchen als Verband, hier örtliche Netzwerke zu bilden, wo Ärzte, Pflegedienste und Handwerk Hand in Hand zusammenarbeiten. Dazu gibt es auch entsprechende Dialogrunden auf politischer Ebene in Berlin. Das ganze solle ja nicht länger als zehn bis 14 Tage dauern.
Wichtig ist immer die Beratung und Planung. Ein professionelles Unternehmen macht eine vernünftige Kostenschätzung. Es hinterlässt auch keinen Schmutz, hat eine gute Planung und Koordinierung. Ich glaube, das merkt man im Beratungsgespräch schon ganz gut, ob das passt.

Jetzt arbeiten ja gerade im Bad viele Gewerke zusammen; wie sollte der Bauherr das denn am besten koordinieren?
Wir schulen unsere Betriebe so, dass sie die notwendigen Arbeiten alle aus einer Hand anbieten. Entweder haben sie entsprechende Gewerke selbst in der Firma, oder sie beauftragen eben andere Nachunternehmer, zum Beispiel den Fliesenleger. Das ist sicherlich für den Bauherren die einfachste Lösung.

Stichwort smartes Bad: Welche Konzepte können Sie da Bauherren empfehlen?
Da wird auf jeden Fall viel entwickelt. Von dem Dusch-WC, das gleich auch die Körperpflege übernimmt, bis hin zu automatisierten Steuerung für Heizungswärme und Belüftung ist das Spektrum sehr breit. Zum Beispiel auch Notrufsysteme, Sturzerkennung oder berührungslose Schalter oder Armaturen. Ein Spiegel, der mir den Stau auf der Straße oder das Wetter anzeigt, ist sicherlich auch im nicht-barrierefreien Bereich eher die Ausnahme.

Über Matthias Thiel:
Matthias Thiel, Jahrgang 1971, ist seit 2001 Referatsleiter Betriebswirtschaft, Datenmanagement und Demografischer Wandel im Zentralverband Sanitär Heizung Klima. Der Diplom-Wirtschaftsingenieur studierte bis 2000 in Berlin und war danach zunächst Studienleiter für Kommunikationsforschung bei INRA Deutschland.
Der Zentralverband Sanitär Heizung Klima ist Standesorganisation, Wirtschaftsverband und Interessenvertretung des SHK-Handwerks in Deutschland. In diesem Bereich existierten im Jahr 2014 etwa 53.300 Handwerksunternehmen mit etwa 346.000 Mitarbeitern und einem Gesamtumsatz in Höhe von 38,7 Milliarden Euro. www.zvshk.de
Geschulte Innungsbetriebe unter: www.shk-barrierefrei.de

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Datum: 05.02.2016 | Autor: Jörg Stroisch


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