Kanarische Weihnachten in Bikini

25 Grad Lufttemperatur. Und vier Buden auf dem vorweihnachtlichen Markt von Santa Cruz. Auf Teneriffa feiern die Touristen das Weihnachtsfest halb nackt am Strand. Und die Einheimischen wie gewohnt entspannt mit etwas Folklore und gutem Essen.

Teig wie Sand, ein bisschen Puderzucker und Nüsse: Und mitten in den etwa fünf Zentimeter großen Ballen klebt das „Carballo de Angelo“, das „Engelshaar“ aus Zucchini-Marmelade. Die „Polverones“ sind ein typisches Weihnachtsgepäck auf der Kanareninsel Teneriffa.

„Die ganze Familie schlemmt gemeinsam“, sagt Gilberto. Gilberto Bethencourt, Reiseführer und Ur-Kanare, mag das Essen. Zwei Mal am Tag ist eine warme Mahlzeit für ihn und viele Kanaren sowieso normal. Und von Heiligabend an bis zu den Drei-Heiligen-Königen gibt es davon noch einmal eine Portion mehr, jeden Tag, mit der ganzen Familie.

Zum Beispiel das typische „Conejo al Salmorejo“, das in dunkler Kräutzerbeize geschmorte kanarische Kaninchen. Das kann auch jeder Tourist in den zahlreichen Inselrestaurants kosten, am besten in Kombination mit den in starkem Salzwasser gekochten, ungeschälten Kartoffeln. „Aber es gibt kein typisches Weihnachtsessen“, sagt Gilberto. „Hier kommt alles auf den Tisch und zwar reichlich.“

Ewiger Frühling auch zu Weihnachten

Ein menschengroßer römischer Plastiksoldat ragt kurz vor Weihnachten aus einem Karton. Auf dem Rathausvorplatz der Bergstadt La Orotava gibt es jedes Jahr ein großes Weihnachtsspiel. Und auch sonst bietet die Stadt im Inselvergleich überdurchschnittlich viel Festtagsstimmung.

Sprich: Ein bisschen Straßenbeleuchtung hier, ein Krippenspiel dort. Und vor allem: Überall die roten und gelben Weihnachtssterne, die schon im 16. Jahrhundert von Mexiko aus die Insel erreichten. Diese werden auf den Kanaren bis zu vier Meter hoch und sie blühen prächtig. Das ganze Jahr.

Denn auf Teneriffa ist das ganze Jahr über Frühling, auch zu Weihnachten. Zumindest am Hang des 3.718 Metern hohen Teide, dem erloschenen Vulkan Teneriffas. „20 Klimazone gibt es hier“, erklärt Gilberto. „Die ganze Insel ist geprägt von unzähligen Mikroklimazonen.“

Nackte Haut am Strand

Die Spitze des Teide ist da exemplarisch für die kalten Regionen und bietet damit echtes Weihnachtswetter: Sie ist mit Schnee bedeckt und auch die knapp fünf Grad Lufttemperatur kommen nahe an deutsche Verhältnisse heran. Hagelstürme und Regen wechseln sich mit Sonnenperioden ab.

Charakteristisch ist auch in etwa 1500 Meter Höhe die Passatwolke, die an den Nordhang des Berges prallt und ihn in Dauernebel hüllt. „Diese wird von den kanarischen Kiefern gemolken“, sagt Gilberto, „und ist deshalb so wichtig für den Wasserhaushalt der Insel.“

Und charakteristisch ist natürlich auch der ewige Sonnenschein im Süden der Insel direkt am Meer. Bei angenehmen 20 bis 25 Grad, ganzjährig. In die Ferienorte wie etwa Playa de las America, Costa Adeje oder Los Christianos reihen sich die Hotelanlagen aneinander. Hierhin zieht es viele Weihnachtstouristen. Weihnachten findet hier ein wenig in der Hotellobby statt mit einem blinkenden Weihnachtsbaum. Und ansonsten am Strand: In den Weihnachtsferien ist hier wieder Hochsaison und viel nackte Haut aalt sich am Strand oder kühlt sich im Meer.

Weihnachtsmarkt erst später

Aber auch auf Teneriffa gibt es natürlich einen traditionellen Weihnachtsmarkt. Allerdings nicht vor Weihnachten. Er findet vom 22. Dezember bis zum 6. Januar in der Inselhauptstadt Santa Cruz de Teneriffe statt, bietet heimische Handwerkskunst an etwa 50 Ständen.

Am 6. Januar wird die Ankunft der Heiligen drei Könige gefeiert und dann werden auf Teneriffa traditionell die Geschenke überreicht. Deshalb ist in der Woche vor Weihnachten auch auf dem Plaza de España nicht sonderlich viel los. Vier Stände bieten da nur ein paar Kleinigkeiten an.

Dazu gehört auch das „Polverone“. Ein bisschen schmeckt der Teig mit dem „Engelshaar“ wie der Dresdner Christstollen. Dazu dann noch einen „Barraquito“. Dieser Espresso kombiniert Milch und Milchrahm mit Zimt und Zitronenschale zu einem süßen Getränk. Und bringt den deutschen Gaumen garantiert auf Weihnachtsstimmung. Da ist es dann nicht mehr so wichtig, dass auch dieses Getränk auf Teneriffa keinen Sommer und Winter kennt und von den knapp 850.000 Kanaren das ganze Jahr getrunken wird.

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.