
Buch: Barrierefrei bauen und altersgerecht modernisieren
Dieses Interview ist Bestandteil dieses Buchs für Immobilieninhaber und Vermieter.
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Ganz offen gefragt: Wie ist der Ist-Zustand in Bezug auf barrierefreies und -armes Wohnen aus Ihrer Sicht?
Es gibt einfach viel zu wenig Wohnraum. Nicht nur, dass es zu wenig Sozialwohnungen gibt. Es gibt schlichtweg absolut zu wenig barrierefreie Wohnungen für Menschen mit Behinderungen. Da sich die Pflegesituation nicht verbessern wird, ist es aber das höchste Ziel, dass jeder Mensch solange wie möglich in seiner eigenen Wohnung leben kann. Gerade auch, wenn wir an den demografischen Wandel denken.
Zudem ist es auch generell eine Frage der Teilhabe an der Gesellschaft, barrierefreie Zugänge zu ermöglichen. Das ist nicht nur für Menschen mit Behinderungen oder ältere Menschen wichtig, sondern auch für Familien mit Kindern oder auch für Menschen, die einen Unfall hatten und deren Bein im Gips ist. Gerade in einer solchen Situation bekommen viele Menschen erstmalig vor Augen geführt, woran es in der Wohnung, aber auch überall mangelt. Wir können alle sehr schnell in eine solche Situation kommen.
Was sind Lösungsansätze für diese Situation?
Die Politik sollte den Ausbau von Förderprogrammen weiter vorantreiben – etwa durch Zuschüsse, zinsgünstige Kredite oder steuerliche Anreize für privaten Wohnungsbau, Vermieter und Kommunen. Ebenso wichtig sind klare gesetzliche Vorgaben, die Planungssicherheit schaffen. Es mangelt dabei absolut nicht an Gesetzen und Normen, sondern es mangelt an der konsequenten Umsetzung.
Als Beispiel: Für Menschen mit Einschränkungen oder sogar mit Rollstuhl ist es beispielsweise unglaublich schwierig, eine Gaststätte oder ein Hotel zu finden, die sowohl zugänglich ist, aber auch eine barrierefreie Toilette besitzt. Und diese dann auch noch unproblematisch mit Bus und Bahn zu erreichen, ist dann die nächste Hürde. Mir ist das erst kürzlich wieder bei einer Reise nach Berlin so ergangen. Das verhindert Teilhabe an der Gesellschaft. Qualitätskriterium einer modernen Gesellschaft ist es aber, diese Teilhabe zu ermöglichen. In anderen Ländern ist man da deutlich weiter.
Uns als Verband ist sehr wichtig, dass hier nicht über den Köpfen der Betroffenen hinweg entschieden wird, sondern sie schon in der Planungsphase beteiligt werden.
Wie kann das konkret geschehen?
An den Stützpunkten unseres Verbandes stehen unsere Botschafter:innen Barrierefreiheit bereit, um Fragen zu beantworten und direkt auf die Probleme hinzuweisen. Es ist einfach sehr plastisch, wenn ein Mensch mit Rollstuhl mit großen Schwierigkeiten versucht, sich auf eine Toilette zu hieven – in einem womöglich eigens „barrierefrei“ gestalteten Bad. Denn es sind oft Kleinigkeiten – jenseits der gültigen Normen – die hier den Komfort einschränken. Ein falscher Toilettendeckel, ein nur mit Verrenkungen erreichbarer Abzug, die Toilettenrolle, die ständig am Bein drückt.
Das können wirklich nur selbst betroffene Menschen selbst beurteilen und bewerten, worauf hier geachtet werden muss.
Es ist immens wichtig, gerade im Neubau, dass solche und ähnliche Angebote von den Planern, den Verantwortlichen in den Gemeinden, den Vermietern und Eigentümern auch angenommen werden.
Was sind Fehler rund um die Barrierefreiheit, die häufig passieren?
Wirklich häufig wird nicht an die Umgebung des Hauses gedacht. Dann ist zwar das Bad barrierefrei. Aber der Zugang zum Haus nur über drei Stufen möglich. Dann kommt aber bereits ein Mensch mit Rollator nicht mehr mühelos ins Haus hinein. Es ist immer wichtig, ganzheitlich auf das Thema Barrierefreiheit zu blicken.
Im Altbaubestand ist die Umsetzung von Barrierefreiheit oft ungleich schwerer als beim Neubau. Was empfehlen Sie?
Beispiel Bad: Die Erhöhung der Toilette, ein unterfahrbares Waschbecken und ein absenkbarer Spiegel sind schnelle, effektive Hilfen. Damit das Waschbecken unterfahrbar ist, muss häufig sogar einfach nur der obligatorische Unterschrank entfernt werden. Natürlich wird dadurch das kleine Badezimmer nicht plötzlich riesig und ist auch alles andere als barrierefrei. Aber eine große Hilfe für Menschen mit Rollstuhl oder einfach auch beeinträchtigte Personen sind diese kleinen Maßnahmen dennoch
Inwiefern variieren die Anforderungen von Menschen mit körperlichen Behinderungen gegenüber denen älterer Menschen?
Die Anforderungen an barrierefreie Gestaltung sind zu großen Teilen identisch. Die Landesbauordnung Baden-Württemberg schreibt im Neubau bereits heute vor, dass ein Teil der Wohnungen barrierefrei zugänglich und nutzbar sein muss. Diese Wohnungen müssen definierte bauliche Mindeststandards erfüllen, sodass sie von Menschen aller Altersgruppen gut genutzt werden können. Im individuellen Wohnumfeld können die Bedarfe jedoch unterschiedlich sein:
Eine Person im Rollstuhl benötigt beispielsweise zwingend ein rollstuhlgerechtes Bad mit entsprechender Bewegungsfläche, während für ältere Menschen unter Umständen bereits eine Toilettenerhöhung oder Haltegriffe ausreichend sein können. Eine gute Faustregel lautet:
Hinkommen – reinkommen – zurechtkommen.
Nach welchen Kriterien wählen Sie passende Dienstleister aus?
Viele Handwerksbetriebe haben das Potenzial einer älter werdenden Gesellschaft erkannt und passen ihre Dienstleistungen entsprechend an. In vielen Regionen Baden-Württembergs existieren Initiativen der Seniorenräte und Handwerkskammern wie „seniorenfreundlicher Service“ oder „seniorenfreundlicher Handwerksbetrieb“. Unternehmen, die bestimmte Qualitätskriterien erfüllen – etwa Qualifikationen im Bereich barrierefreies Bauen, kundenfreundliche Beratung oder überprüfte Arbeitsabläufe – erhalten entsprechende Zertifikate. Diese werden regelmäßig überprüft und bieten Kund:innen eine hilfreiche Orientierung.
Über Sabine Goetz
Sabine Goetz ist seit 2014 Geschäftsführerin des Landesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter Menschen Baden-Württemberg e.V. und vertritt den Verband in verschiedenen Gremien. Er wurde 1991 von Willi Rudolf als Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Körperbehinderungen gegründet und entwickelte sich seither zu einem wichtigen Impulsgeber der Inklusionsbewegung. Zudem gründete der Verband im Jahr 2022 die Andreas Braun-Stiftung, um seine sozialen und inklusiven Ziele langfristig zu stärken.
Über Jahrzehnte hat der Landesverband eine starke Lobbyarbeit auf regionaler und Landesebene aufgebaut, um politische Veränderungen voranzutreiben und die Rechte von Menschen mit Behinderung zu sichern (www.lsk-bw.de / www.andreasbraunstiftung.de).