
Buch: Barrierefrei bauen und altersgerecht modernisieren
Dieses Interview ist Bestandteil dieses Buchs für Immobilieninhaber und Vermieter.
zur Dossierseite Barrierefreiheit
Wie wichtig wird das Thema Barrierefreiheit für selbstnutzende Wohneigentümer in Zukunft?
Wir werden alle älter und entsprechend wird auch die Frage nach Barrierebeschränkung wichtig. Auf der anderen Seite betrifft dieses Thema bei weitem nicht nur ältere Menschen und Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Als Beispiel: Auch die alleinerziehende Mutter, die sich mit den Einkaufstaschen und den Kindern in die Wohnung manövrieren muss, freut sich über möglichst wenig Hindernisse. Es ist zudem individuell sehr unterschiedlich, was benötigt wird. Als Beispiel: Wenn die Toilette mit einem Rollstuhl nutzbar sein soll, darf sie nicht in einer Zimmerecke montiert sein. Ein Handlauf allein reicht nicht aus.
Ich rate Bauherren dazu, sich in die Rolle eines Rollstuhlfahrers zu versetzen und die komplette Immobilie aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Da stellt man dann auch sehr schnell fest, dass zwar das Bad barrierearm gebaut wurde, die Eingangstür eventuell viel zu schmal für den Rollstuhl ist.
Wo liegen die höchsten Hürden wenn es um die Barrierefreiheit in der Wohnung geht?
In den eigenen liebgewonnenen Gewohnheiten. Im Beratungsgespräch wollte letztens eine Frau gerne eine ebenerdige Dusche realisieren. Und sie vergaß dabei, dass auch die Fliesen und vor allem die Abdichtung der Wand dann erneuert werden müssen, die sie aber sehr gerne mag, ihr einfach vertraut sind. Man möchte sich vom Vertrauten nur ungern verabschieden. Und mit dem eigenen altern setzt man sich ohnehin ungern auseinander. Entsprechend machen sich nur wenige Menschen schon in jungen Jahren darum Gedanken, wie ein Haus barrierearm gestaltet werden kann. Das Problem dabei ist: Wenn der Handlauf gebraucht wird, ist es meistens zu spät.
Denn gerne wird vergessen, dass sich alte Menschen auch an die Neuerungen gewöhnen müssen und das fällt schwer. Ich habe es selbst erlebt, dass der extra angebrachte Handlauf dann gar nicht genutzt wurde. Weiteres Beispiel: die Gegensprechanlage. Natürlich soll sie die Sicherheit erhöhen, bietet vielleicht den Bewohnern ein Videobild von den Besuchern vor der Tür. Aber diese müssen sich daran auch gewöhnen. Und die Erfahrung zeigt, dass sie denn doch lieber sofort die Türe öffnen, weil ihnen die teure Technik ungewohnt und zu kompliziert ist.
Was sind Problemfelder aus der Praxis bei der Planung einer barrierefreien Modernisierung im Eigenheim und in der Eigentumswohnung?
In Geschossbauten gibt es oft enge Treppenhäuser und kleine Bäder. Auch der Zugang in das Haus wird durch Treppenanlagen erschwert. Bei diesen Gebäuden sind hohe Aufwendungen und damit hohe Kosten bei Modernisierungen zur Barrierereduktion zu erwarten. Änderungen des Grundrisses, um mehr Bewegungsfreiheit zu erhalten, bedeutet das Entfernen oder Versetzen von Wänden. Dabei können auch Versorgungsleitungen für Strom und gegebenenfalls Wasser und Abwasser betroffen sein, beispielsweise beim Verlegen bzw. Umbau eines Bades.
Ein weiterer Aspekt: Um überhöhte Kosten beim Abbau von Barrieren zu vermeiden, ist eine rechtzeitige Planung wichtig. Körperliche Einschränkungen, die bauliche Veränderungen nötig machen, deuten sich oft langsam an. Es ist ratsam, sie ernst zu nehmen und dann vorausschauend zu planen.
Was ist eine besonders günstige Möglichkeit große Effekte zu erzielen?
Die oft nur wenigen, aber behindernden Stufen vor dem Hauseingang sollten durch Rampen werden. Geländer an einer Treppe – möglichst an beiden Seiten – bieten Halt. Rutschsicherer Bodenbelag statt glatter Fliesen gibt mehr Sicherheit. Auch die Beleuchtung kann mit geringem Aufwand deutlich verbessert werden, zum Beispiel durch Sensoren, die automatisch auf Dunkelheit und/oder Bewegung reagieren. Auch elektrische Rollläden können helfen oder auch Freisprecheinrichtungen. Das sind Erleichterungen von meist geringen Kosten bei hohem Nutzwert.
Aber es gibt auch konzeptionelle Dinge: Es bringt zum Beispiel wenig, wenn der Halt im Badezimmer weiß ist, ebenso, wie die Fliesen. Hier sollte auf einen guten Kontrast geachtet werden, der Haltegriff in einer dunklen Farbe sein, damit er auch gesehen wird.
Aber bei allem gilt immer: Das Problem wird nicht nur durch die Technik gelöst, sondern die Bewohner müssen sich auch daran gewöhnen können und müssen es auch annehmen können.
Sehr einfach zu realisieren und am Ende wirklich wichtig: Eine Maßnahme sollte nie einzeln betrachtet werden, sondern im Gesamtkontext. Nicht nur die eigenen vier Wände sind der Maßstab, sondern auch, wie man dort möglichst problemlos hingelangt.
Über Friederike Hollmann-van Kempen
Die Bauberaterin im Verband Wohneigentum ist Diplom-Ingenieurin. Architektin und öffentlich bestellte und vereidigte Bausachverständige (IHK). Als Bausachverständige ist sie mit den Problemfeldern Bauen und Sanieren vertraut. Nach dem Studium war sie Mitarbeiterin in einem Architektur- und Ingenieurbüro und ist seit 2010 freischaffend als Bausachverständige tätig. Durch ihre langjährige berufliche Tätigkeit sind ihr fast alle Problemfelder des Bauens bekannt. Der bundesweit aktive gemeinnützige Verbraucherschutzverband Verband Wohneigentum tritt für die Förderung und den Erhalt des selbstgenutzten Wohneigentums ein, berät zudem Mitglieder, zumeist Baufamilien und Wohneigentümer. Bundesweit vertritt der Verband nach eigenen Angaben 310.000 Mitgliedsfamilien (www.verband-wohneigentum.de).