Quelle: ZVSHK

Matthias Thiel

„Grundsätzlich sollte man präventive Maßnahmen mitdenken“

Matthias Thiel, Referatsleiter Betriebswirtschaft, Datenmanagement und Demografischer Wandel im Zentralverband Sanitär Heizung Klima, über das Stigmatisierende an dem Thema Barrierefreiheit, moderne und schicke Lösungen – und worauf gerade bei Licht und Farben geachtet werden sollte.

Buch: Barrierefrei bauen und altersgerecht modernisieren

Dieses Interview ist Bestandteil dieses Buchs für Immobilieninhaber und Vermieter.

zur Dossierseite Barrierefreiheit

Was sind denn Mindeststandards für ein barrierefreies Bad?

Diese kann man sicherlich in den entsprechenden DIN-Normen nachlesen. Diese möchte ich jetzt nicht zitieren. Grundsätzlich sollten entsprechende Bewegungsflächen sowie eine Schwellenlosigkeit unter anderem bei der Tür und Dusche erreicht werden. Auch ausreichend Ablagen und Haltemöglichkeiten sind wichtig. Stolperfallen wie Teppiche oder Kabel sollten verhindert werden. Hinzu kommt eine leichte Bedienbarkeit und Erreichbarkeit zum Beispiel von Armaturen und Schaltern. Eine schwellenlose Dusche zum Beispiel ist schon sehr stark nachgefragt. Im Sitzen am Waschtisch sollte man sich im Spiegel noch sehen können. Dann eine hohe Rutschfestigkeit, mindestens R 9 oder höher. Das müssen nicht immer Fliesen sein, es gibt dort auch andere Materialien, die sehr schön sind und dennoch wasserabweisend, also rutschfest. Dann möglichst wenig Kanten, an denen man sich stoßen kann.

Die Waschmaschine, die dann noch irgendwo im Weg herumsteht, ist dann vielleicht auch nicht die beste Idee?

Das Thema zeigt sehr gut, dass es immer auch eine individuelle Frage ist. Wenn jetzt ein älterer Mensch immer erst in den Keller herunter muss, um Wäsche zu waschen, ist das eben auch alles andere als optimal. Ein SHK-Unternehmer hat mir genau diesen Fall geschildert und das eben so begründet, warum er trotz der Anforderung der Barrierefreiheit die Waschmaschine eben doch im Bad belassen hat.

Möglicherweise kann man die Waschmaschine als unterstützende Haltemöglichkeit vorsehen, wenn man vom WC aufstehen möchte.

Wo liegen denn aus Ihrer praktischen Erfahrung heraus besondere Tücken, wenn ich jetzt ein Bad barrierefrei gestalten will?

Es hängt eben stark davon ab, für wen das Bad ist. Ist es jetzt für einen der sein Bad umbaut, weil er es sich nochmal leisten will und relativ mobil ist. Oder meine ich jetzt jemanden, der auf Pflege angewiesen ist und der zuhause mobil gepflegt wird. Das kann ich nicht einfach über einen Kamm scheren. Grundsätzlich sollte man präventive Maßnahmen mitdenken, wie Steckdosen für höhenverstellbare WCs oder Waschtische oder Dusch-WCs. Zudem sollte an eine Wandverstärkung gedacht werden, wenn man einen stabilen Haltegriff benötigt. Das Herzstück aller präventiver Maßnahmen ist die bodenebene Dusche, die auch in kleinen Bädern mehr Platz für Pflegende schaffen kann.

Der agile 65-Jährige denkt vielleicht noch gar nicht an Barrierefreiheit: ein Fehler?
Genau. Wenige in diesem Alter bauen ihr Bad präventiv so um, dass zum Beispiel im Bereich der Elektroinstallation später mehr möglich ist. Oder dass es auch ein Mehr an Bewegungsräumen gibt, dass die Türen breiter und schwellenlos sind, der Boden rutschfest ist oder die Wand so stabil gebaut ist, dass dort später einfach Haltegriffe eingeklinkt werden können. Dabei wäre das sehr vorausschauend, wenn das schon beachtet würde.

Gut, Barrierefreiheit erinnert ja auch an Pflegebedürftigkeit. Damit möchte man sich vielleicht auch nicht unbedingt beschäftigen …

Das Thema Pflege blendet jeder aus. Jeder möchte so lange wie möglich eigenständig bleiben glaube das Thema Pflege blendet jeder aus. Keiner möchte gewaschen werden oder gepflegt werden. Barrierefreiheit hat so gleich etwas Stigmatisierendes. Die Menschen fühlen sich regelrecht beleidigt, wenn ihnen ein Handwerker einen Haltegriff empfiehlt. Es bedarf folglich sehr großes Einfühlungsvermögen.

Aber wie könnte man das denn sonst nennen?

Das Wort Barrierefreiheit ist schon sehr stark positioniert, erinnert an Krankenhaus und so weiter. Inhaltlich ist eigentlich der Begriff selbst ist nicht so negativ belegt, aber alles, was dann da hinein interpretiert wird an Folgen. Willst du nicht mal dein Bad barrierefrei umbauen? – Das brauche ich doch noch gar nicht, ich bin doch noch so fit. Das mache ich dann, wenn ich es brauche. Das sagen selbst die Menschen mit 80. Barrierefreiheit, sich sage es jetzt mal ein bisschen drastisch, wird als die Vorstufe zur Pflege interpretiert. Wir betonen deshalb auch in der SHK-Branche lieber viel stärker den Komfortaspekt. Wenn ich mir Komfort gönne, ist das trotzdem schick – und auch nützlich. Und da gibt es tolle Lösungen, die barrierefrei sind und auch sehr komfortabel.

Also muss ein barrierefreies Bad nicht wie Altenheim oder Krankenhaus aussehen? – Nennen Sie doch mal Beispiele.

Also, es ist schon sehr stigmatisierend, wenn Haltegriffe in den Raum hineinragen. Aber wieso nicht mit zusätzlichen Funktionen kombinieren, zum Beispiel dem Toilettenrollerhalter oder einem Handtuchhalter? Oder ich habe keine Haltegriffe am Waschbecken, sondern dort sind Griffmulden eingelassen. Da gibt es von den Herstellern wirklich sehr schöne und ästhetische Produktentwicklungen …

Was gibt es da denn bei der Farbgebung im Bad für Lösungen oder gute Kompromisse, um von der Farbästhetik her einerseits barrierearm zu sein, andererseits eben auch nicht eine Krankenhausatmosphäre zu haben?

Ein starker Kontrast ist sehr wichtig, wenn die Sehfähigkeit nachlässt oder bei Demenzerkrankten zur Orientierung. Ein guter Trick ist, sich hier einfach eine Schwarz-weiß-Fotografie anzuschauen: Wenn die Farben gar nicht mehr unterscheidbar sind, ist das sicherlich schlecht. Aber es gibt natürlich gute Kontraste: Weiß-blau , gelb-blau, weiß-rot oder schwarz-weiß ist möglich. Rot-Grün ist nicht zu empfehlen wegen der Rot-Grün-Blindheit. Eine Idee ist es zum Beispiel, den Hintergrund sehr dunkel zu gestalten und davor einen weißen Waschtisch zu positionieren. Das sieht dann teilweise sehr, sehr schick, modern aus – und ist trotzdem sehr gut für die Barrierefreiheit.

Bei Kontrasten geht es dann auch um Licht. Blendfreies, schattenarmes Licht ist wichtig. Es geht aber auch mit viel Ambiente und einer indirekten Beleuchtung. Es hängt eben davon ab, ab wann es um Orientierung gehen muss, oder ob es auch eher noch um Spaß, Komfort und Luxus geht. Unsere Handwerker beraten dazu individuell nach den Bedürfnissen.

Viele Menschen baden gerne, aber das ist ja mit einer hohen Hürde verbunden. Ist dann mit der Barrierefreiheit die Badewanne passé?

Baden ist gesund und hat unter anderem auch einen wichtigen Einfluss auf die Stimmungslage des Betreffenden. Ich bade auch lieber als zu duschen, wenn ich Zeit habe und wählen kann. Es gibt schon Lösungen, wie Sitzbadewannen oder Liegewannen, zum Beispiel mit Türen. Da muss ich dann aber warten, bis das Wasser ausgelaufen ist und friere womöglich. Dann gibt es auch Aufstehhilfen oder eingehängte Sitze. Optimal ist das häufig nicht, aber es gibt da natürlich auch Lösungen. Praktischer ist es natürlich, wenn ich lieber stattdessen die bodenebene Dusche einbaue. Duschsitze und Hocker sind dazu kombinierbar.

Jetzt sind ja Bäder sehr unterschiedlich geschnitten. In den 60er-/70er-Jahren sind sie oft sehr klein gebaut worden. Ist denn da überhaupt eine komplette Barrierefreiheit mit realistischem Geldaufwand hinzubekommen?

Es hängt davon ab, an was Barrierefreiheit festgemacht wird. Die DIN18040 lässt sich im Bestand schätzungsweise zu 80 Prozent nicht umsetzen. Das wird mittlerweile selbst in den Förderprogrammen akzeptiert. Es ist einfach unmöglich, bei einem Schlauchbad von 2 x 4 Metern alleine die Vorschriften zur Bewegungsfreiheit hinzubekommen. Aber wenn ich hier die Wanne wegnehme, eine bodengleiche Dusche einbaue, dann gewinne ich auch hier viel Raum. Gerade, wenn die Dusche eben mitgenutzt wird für die Bewegungsfreiheit. Unsere Handwerke die können hier eigentlich auch nur Problemlöser und die individuellen Wünsche mit berücksichtigen. Es ist nahezu unmöglich, hier einfach Standard-F anzulegen, sondern es sind immer sehr individuelle Bäder.

Wie finde ich denn jetzt einen guten und kompetenten Handwerker?

Wir als SHK-Organisation schulen unsere Betriebe. Die Betriebe werden da in Krankheitsbildern geschult und in der Frage, welche baulichen Maßnahmen wann notwendig sind. Wichtig dabei ist auch das Thema Trinkwasserhygiene und Schimmelprävention. Ergänzend schulen wir in Kooperation mit dem Großhandel und der Industrie unsere Mitglieder in der pflegerechten Badgestaltung.

Das Thema Entlassungsmanagement ist dabei natürlich auch ein großes Thema. Der Betroffene wird aus dem Krankenhaus entlassen und benötigt nun schnell ein barrierefreies Bad. Gibt es dafür eine Förderung? Welche Pflegestufen? Das sind riesige bürokratische Hürden in einer solchen Situation. Wir versuchen als Verband, hier örtliche Netzwerke zu bilden, in dem Sozialdienste der Krankenhäuser, Pflegedienste, Wohnberater, Sanitätshäuser, der medizinische Dienst, Badausstellungen des Großhandels und das Handwerk Hand in Hand zusammenarbeiten. Das Ganze solle nicht länger als zehn bis 14 Tage dauern. Hierzu haben wir auch ein konkretes Forschungsprojekt, in dem auch digitale Tools zum Einsatz kommen.

Wichtig ist immer die Beratung und Planung. Ein professionelles Unternehmen macht eine vernünftige Kostenschätzung. Es hinterlässt auch keinen Schmutz, hat eine gute Planung und Koordinierung. Ich glaube, das merkt man im Beratungsgespräch schon ganz gut, ob das passt.

Jetzt arbeiten ja gerade im Bad viele Gewerke zusammen; wie sollte der Bauherr das denn am besten koordinieren?

Wir schulen unsere Betriebe so, dass sie die notwendigen Arbeiten alle aus einer Hand anbieten. Entweder haben sie entsprechende Gewerke selbst in der Firma, oder sie beauftragen eben andere Nachunternehmer, zum Beispiel den Fliesenleger oder der Elektriker. Das ist sicherlich für den Bauherren die einfachste Lösung.

Stichwort smartes Bad: Welche Konzepte können Sie da Bauherren empfehlen?

Da wird auf jeden Fall viel entwickelt. Von dem Dusch-WC, das gleich auch die Körperpflege übernimmt, bis hin zur automatisierten Steuerung für Heizungswärme und Belüftung ist das Spektrum sehr breit. Zum Beispiel auch Notrufsysteme, Sturzerkennung oder berührungslose Schalter oder Armaturen. Ein Spiegel, der mir den Stau auf der Straße oder das Wetter anzeigt, ist sicherlich auch im nicht-barrierefreien Bereich eher die Ausnahme.

Über Matthias Thiel
Matthias Thiel, Jahrgang 1971, ist seit 2001 Referatsleiter Betriebswirtschaft, Datenmanagement und Demografischer Wandel im Zentralverband Sanitär Heizung Klima. Der Diplom-Wirtschaftsingenieur studierte bis 2000 in Berlin und war danach zunächst Studienleiter für Kommunikationsforschung bei INRA Deutschland.
Der Zentralverband Sanitär Heizung Klima ist Standesorganisation, Wirtschaftsverband und Interessenvertretung des SHK-Handwerks in Deutschland. In diesem Bereich existierten im Jahr 2025 etwa 48.000 Handwerksunternehmen mit etwa 390.000 Mitarbeitern und einem Gesamtumsatz in Höhe von rund 59 Milliarden Euro. (www.zvshk.de / geschulten Innungsbetriebe zum Thema barrierefreies Bad: www.shk-barrierefrei.de)