Chefarzt, bitte

Private Zusatzversicherungen sind sinnvoll für alle, die mit den schrumpfenden Leistungen der gesetzlichen Kassen nicht zufrieden sind. Wie aber findet man die richtigen?

„Schon meine Geburt haben meine Eltern selbst bezahlt.“ Was für viele Deutsche fast undenkbar ist, nämlich die medizinische Versorgung aus der eigenen Tasche zu finanzieren, war für Bob Heinemann ganz normal. Er kam in Amerika zur Welt. „Und dort kommt das Geld für die Krankenversorgung eben häufig aus dem eigenen Portemonnaie.“

Seit seinem neunten Lebensjahr lebt Bob Heinemann nun in Deutschland – und ist gesetzlich versichert, auch in seinem jetzigen Job als angestellter Fotoredakteur. Er schätzt das System, aber dennoch reichte ihm der Versicherungsschutz der gesetzlichen Krankenkassen nicht aus. Über seinen Arbeitgeber schloss er eine Zusatzpolice ab, die ihm im Krankenhaus eine bessere Versorgung bieten soll.

So wie Bob Heinemann denken viele: Rund 18 Millionen Zusatzversicherungen haben gesetzlich Versicherte in Deutschland bei privaten Krankenversicherern abgeschlossen. Dabei sind die Kooperationsangebote der gesetzlichen Kassen noch gar nicht mitgezählt.

Nicht existenziell notwendig, aber ein sinnvolles Plus

Zugegeben: Man braucht solche Zusatzpolicen nicht unbedingt. Aber so mancher Vertrag verschafft dem Versicherten das gute Gefühl, gegen viele Eventualitäten gewappnet zu sein – und das ist in Zeiten, in denen die gesetzlichen Krankenkassen immer mehr Leistungen streichen, nicht zu verachten. Welche Zusatztarife im Einzelfall empfehlenswert sind, „hängt ganz von den eigenen Bedürfnissen ab“, beschreibt Ulrike Steckkönig, Redakteurin bei der Zeitschrift Finanztest.

Die passende Police zu finden, ist nicht besonders kompliziert, denn die Tarife sind deutlich einfacher gestrickt als bei den privaten Krankenvollversicherungen. Policen wie die von Bob Heinemann, die eine bessere Versorgung im Krankenhaus bieten, lassen sich sogar sehr gut untereinander vergleichen. Komplizierter wird es für Versicherte, die künftig ihren Zahnersatz, die neue Brille oder Besuche beim Heilpraktiker mithilfe einer Zusatzversicherung finanzieren wollen, denn hier unterscheiden sich die Leistungen oft sehr stark. 

Manche Versicherer bieten auch All-Inclusive-Pakete an. Doch sie sind nur für jene Patienten gut, die sich wirklich gegen alle möglichen Risiken absichern möchten. Sonst ist es sinnvoller und günstiger, sich mit Einzelversicherungen abzusichern.

Was genau steht aber zur Auswahl? Grundsätzlich gibt es vier Basisangebote:

  • Die ambulante Zusatzversicherung: Sie deckt Leistungen rund um die ambulante ärztliche Versorgung ab, unter anderem bestimmte Therapien, die neue Brille, die Sitzung beim Heilpraktiker oder Schutzimpfungen. Das Urteil zu solchen Tarifen fällt eindeutig aus, zumindest aus Sicht von Jens Trittmacher, Versicherungsberater beim Bund der Versicherten: „Die ambulanten Ergänzungstarife sind fast immer sinnlos“, sagt er. „Nur für Personen, die viel Wert auf Heilpraktikerleistungen legen, sind sie vielleicht interessant. Denn der Besuch beim Heilpraktiker wird nur von ambulanten Policen finanziert.“
  • Die stationäre Krankenhauszusatzversicherung: Chefarztbehandlung, Ein- oder Zweibettzimmer, freie Krankenhauswahl – das sind mögliche Leistungen dieses Tarifs, der auch bei Trittmacher gut ankommt: „Die Krankenhauszusatzversicherung kann als Ergänzung sinnvoll sein. Ein Krankenhaustagegeld ist unnötig. Aber für gut verdienende Personen mit Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze kann ein Krankentagegeld als Ausgleich des Verdienstausfalls interessant sein.“
  • Die Zahnversicherung: Wie viel sie kostet, richtet sich nach dem Zustand und der Anzahl der Zähne des Patienten. Je nach Tarif werden durch sie die Kosten ganz oder teilweise finanziert, etwa für Kronen oder Implantate, die von der gesetzlichen Kasse nicht übernommen werden. Trittmachers Urteil: „Bei der separaten Zahnzusatzversicherung bezahlt man mehr, als man herausbekommt, zumindest solange man nicht mehr als eine Krone pro Jahr erneuern lässt. Finanziell sinnvoll kann sie höchstens sein, wenn Implantate eingesetzt werden müssen.“ Der Versichertenberater rät dazu, lieber Geld zurückzulegen, um künftige Behandlungen selbst bezahlen zu können.
  • Die Pflegezusatzversicherung: Zwar finanziert die gesetzliche Pflicht-Pflegeversicherung einen Teil der Pflegekosten im Alter. Doch ein Pflegeheim kann bedeutend teurer sein. Das soll die Pflegezusatzpolice auffangen. Trittmacher würde nicht jedem Versicherten zu einer solchen Police raten: „Ältere Personen sollten kontrollieren, ob sie mit ihrem Vermögen eine gute Versorgung sicherstellen können, bevor sie viel Geld für die Versicherung ausgeben“, sagt er. Wer kein ausreichendes Vermögen habe, solle unbedingt „einen Tarif wählen, der auch die Pflegestufe 1 beinhaltet“.


Grundsätzlich gilt für jede Zusatzversicherung: Je mehr Leistungen sie umfasst, desto teurer wird sie. Außerdem spielt das Geschlecht eine Rolle. Etwa ein Drittel mehr muss eine Frau für eine Versicherung bezahlen. Ein ganz wesentlicher Faktor ist auch das Alter, da es sich ebenfalls auf den Gesundheitszustand auswirkt. Das Versicherungsunternehmen kann Vorerkrankung von der Leistung ausschließen, eine erhöhte Prämie verlangen, oder im schlechtesten Fall lehnt es die Absicherung komplett ab. „Empfehlenswert ist es, mehrere Anträge gleichzeitig zu stellen, denn bei den Risikozuschlägen und -ausschlüssen hat jede Versicherungsgesellschaft eigene Maßstäbe. Dann kann man auch ruhigen Gewissens bei der Frage nach einem bereits abgelehnten Antrag das „Nein“ ankreuzen“, kommentiert Finanztest-Redakteurin Steckkönig.

Die Probleme mit der Altersrückstellung, eine bekannte Diskussion bei der privaten Krankenvollversicherung, ist bei den Zusatztarifen ein geringeres Problem: „Es gibt Versicherer, die ihre Preise für Krankenzusatztarife seit den siebziger Jahren einigermaßen stabil gehalten haben“, sagt Steckkönig. „Für den Arbeitslosen oder Rentner geht außerdem die Welt nicht unter, wenn er etwa auf das Ein-Bett-Zimmer im Krankenhaus verzichten muss.“ Was wenige wissen: Legt der Patient darauf Wert, dann kann er eine bessere Unterbringung im Krankenhaus auch aus eigener Tasche zahlen. Die Preise unterscheiden sich allerdings je nach Ort massiv. Niemand muss also bei entsprechender Bezahlung auf die Ruhe eines Ein-Bett-Zimmers verzichten.

Krankenversorgung erster Klasse

Bob Heinemann bekommt das Ein- oder Zwei-Bett-Zimmer, hat einen guten Tarif und ist mit der Leistung zufrieden: „Durch die Zusatzversicherung werde ich besser behandelt“, sagt der Fotoredakteur. Im Krankenhaus gibt es für ihn medizinische Versorgung erster Klasse, und über die erbrachten Leistungen erhält er dann immer eine ausführliche Rechnung. „Da ist dann auch deutlich dokumentiert, dass dieser Service seinen Preis hat.“ Aber Bob lebt ja nun nicht mehr in Amerika und muss das deshalb nicht aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen.

Dieser Artikel wurde auf Zeit.de veröffentlicht.