Lehman und Kaupthing: So steht es um deutsche Kunden

In NRW melden sich Lehman-Brothers-Anleger zuhauf bei der Verbraucherzentrale, Kaupthing-Geschädigte gründeten kurzerhand ein eigenes Forum im Internet mit mittlerweile über 3000 Teilnehmern. Island und Amerika: Die Banken sind fern, gehen aber den Anleger hierzulande an ihre Ersparnisse. wiwo.de informiert über die Rechte der Anleger – und über Hilfe.

Die Verzweifelung schlägt auch im wiwo.de-Artikel hohe Wellen: „Von dem noch rechtzeitig gerettetem Kaupthing-Geld bezahle ich einem Politiker Hin und Rückflug nach Reykjavik wenn er sich bereit erklärt, deutsche Sparer in Island zu vertreten“, erklärt Nutzer „Soli“. Und Nutzer „Detlef“ spricht vom „staatlich sanktionierten Betrug“. 145 Kommentare zeigen, dass Kauphting ein Thema ist, 30.000 Deutsche haben in deren Tagesgeldkonten investiert. Und mehrere Verbraucherzentralen planen mittlerweile eigens Informationsveranstaltung für Kunden von Kaupthing und Anlegern in Lehman Brothers-Zertifikaten.

Eine gewisse Enttäuschung über die politischen Entscheidungsträger ist den Kaupthing-Sparern anzumerken: „Wenn Wirtschaftsminister Michael Glos in der Bild-Zeitung den Tenor „selbst schuld“ und „da haben halt welche gezockt“ anschlägt, dann ist das nicht akzeptabel“, so ein Sprecher des Aktionsbündnisses von Kaupthing-Geschädigten, die im Forum www.kaupthingedge.foren-city.de mittlerweile über 9.000 Einträge innerhalb weniger Tage verbuchen. „Die Kaupthing-Sparer sind nicht in Erwartung einer fetten Rendite bewusst ein höheres Risiko eingegangen. Der Tagesgeldzins lag nur 0,4 Prozent über anderen Angeboten auf dem deutschen Markt. Und bis vor vier Wochen hat sicherlich niemand damit gerechnet, dass eine so große europäische Bank beinahe pleite geht.“

Die Geschädigten hoffen darauf, dass es nicht dazu kommen wird. „Wir gehen derzeit fest davon aus, dass deutsche Sparer identisch zu denen anderer europäischer Länder entschädigt werden“, sagt der Aktionsbündnis-Sprecher. „Dort wurden die Guthaben in voller Höhe besichert. Vielleicht verhandelt ja die Bundesregierung nur besonders gut.“

Lehman Brothers sorgt ebenfalls für volle Beratungsstunden

Mit Lehman Brothers sorgt ein echter Pleitefall im Rahmen der Finanzkrise für Aufregung. Thomas Bieler, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: „Im Fall von Lehman Brothers ist das eine ganz andere Qualität: Die Anleger wurden geradezu in die Zertifikate von Lehman Brothers hineingezogen. Citibank, Dresdner Bank, Postbank: Die Fälle belegen, dass keine vernünftige Beratung stattgefunden hat. Den Banken haben da offensichtlich fette Provisionen gewunken.“

So hat eine 72-jährige Rentnerin 4000 Euro in diese Papier investiert, weil ein Bankberater ihr das empfohlen hatte. Und muss nun um ihr Geld bangen. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen betreibt mittlerweile eine Fallsammlung zu diesem Thema unter www.vz-nrw.de, will damit auch den politischen Druck erhöhen.

Andrea Hoffmann, Expertin bei der Verbraucherzentrale Sachsen, ergänzt. „Die Käufer von Lehmann Brothers Zertifikaten wussten häufig nicht wirklich, was sie da machen.“ In Sachsen war es verstärkt die Dresdner Bank, die die Zertifikate verkauft hat. „Allerdings ist der Nachweis einer Falschberatung sehr schwierig und wird wohl nicht in jedem Fall zum Erfolg führen.“ 

Denn nur darauf können Anleger im Zweifel bauen: Anders, als beim Tagesgeldkonto der Kauphting-Bank, greift kein Sicherungsfonds. Nur, wer nachweislich falsch beraten wurde, kann auf eine Rückzahlung der Einlage hoffen. Indiz könnte sein, dass das Zertifikat noch im Frühjahr dieses Jahres erworben wurde, ohne das der Banker auf das Risiko hingewiesen hat.

„Jede Menge Anwälte versprechen nun das Blaue vom Himmel“, warnt aber Verbraucherschützer Bieler. „Aber der Anleger muss genau abwägen, denn es ist sehr vom Einzelfall abhängig, ob eine Falschberatung tatsächlich nachweisbar ist.“ Und Hoffmann ergänzt: „Ich würde raten, die Erfolgsaussichten in einem Erste-Hilfe-Check in einer Verbraucherzentrale prüfen zu lassen. Danach kann man besser entscheiden, ob ein weiterer Schritt, in Form der Einschaltung eines spezialisierten Rechtsanwaltes, sinnvoll ist.“

Auf das kostenlose Flugangebot nach Reykjavik, welches Kommentator „Soli“ offeriert, hat sich bisher offensichtlich kein deutscher Politiker gemeldet. In den Nutzer-Foren und auch in den Kommentaren der wiwo.de-Artikel wächst jedenfalls weiter der Unmut der Anleger und Sparer. „Ich war stolz, ein Kauphting-Kunde zu werden“, schreibt „Lavcadio“ aus Duisburg. „Wir haben alle nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“ Sicherlich ist der Stolz auf die isländische Bank inzwischen verflogen.

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Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.