Schlagwort-Archive: WiWo

Streik bis zur letzten Bahnschwelle

Die Lokführergewerkschaft GDL streikt bis in die Unendlichkeit und die Deutsche Bahn erfindet neue Gerichte, vor denen sie dagegen klagen kann. Ein satirisches Zukunftsszenario rund um den Bahn-Tarifkonflikt.

Schon jetzt ist klar, die Streikkassen der GDL sind gut gefüllt. Entsprechend lange könnte sich der Bahnstreik hinziehen. In geheimen Runden loten deshalb die Lokführergewerkschaft GDL und die Deutsche Bahn aus, wie sie sich dafür rüsten könnten, wie wiwo.de recherchierte.

Eine Woche Streik

Alles bleibt beim Alten: Die GDL fordert den eigenständigen Tarifvertrag, GDL-Chef Manfred Schell bleibt verbal zunächst weiter auf „Außerirdischen“-Niveau. Die Deutsche Bahn bleibt ebenfalls weiter bei ihrer Taktik: Eine neue Verpackung für ein altes Angebot sowie eine mittelgroße Schadensersatzklage gegen die GDL.

Ein Monat Streik (kurz vor Weihnachten)

Immer noch fährt nichts und der Umgangston wird schärfer. Die Deutsche Bahn lässt ihr altes Angebot nun in der Verpackung eines Weihnachtsgeschenks vom Nikolaus persönlich an GDL-Chef Schell übergeben. Dieser erklärt es prompt für „teuflisch“ und vergleicht Bahn-Chef Mehdorn mit abbrennenden Kerzen am Weihnachtsbaum. „Seine Zeit brennt ab“, so Schell gegenüber dem Nachrichtensender N24. Da die Amtsgerichte Weihnachtspause haben, verzichtet die Deutsche Bahn zunächst auf weitere Klagen.

Sechs Monate Streik

Im Güterverkehr geht mittlerweile gar nichts mehr. Die Wirtschaft ist auf LKWs, Taxis und Eselkarren umgestiegen, um ihren Rohstoffbedarf weiter zu decken. Die Pendler suchen sich verstärkt Arbeitsstätten in fußläufiger Nähe. Die Deutsche Bahn unterbreitet der GDL zum 65. Mal das gleiche Angebot in einer neuen Verpackung und fordert zur Rückkehr an den Verhandlungstisch auf.

Gleichzeitig klagt sie vor dem Europäischen Gerichtshof, weil sie „das Menschenrecht auf Verkehr“ durch den Streik verletzt sieht. Die GDL empfindet das als Provokation. Schell verlängert seine Amtzeit als Gewerkschaftsvorsitzender mit den Worten. „Ich habe den längeren“. Äh, Atem. Und überhaupt: Mehdorn ist ein kleiner Gnom.“

Ein Jahr Streik

An den Bahnsteigen herrscht gähnende Leere. Fliegende Händler verramschen in den Bahnhofsvorhallen mittlerweile alles, was das Herz begehrt. Das Marketingkonzept des „Bahnhofmarktes“ ist geboren.

Die Deutsche Bahn gründet einen eigenen Kreativ-Unternehmensbereich für Tarifstreit-Verpackungen. Mit ihren bisher 135 Ideen hatte sie bereits mehrere angesehene Design- und Kommunikationspreise eingeheimst. Derweil verklagt sie die GDL auf eine Milliarde Euro Schadensersatz vor dem UN-Völkergericht wegen „verbrecherische Vergehen gegen das Völkerrecht auf Daseinsberechtigung.“

GDL-Chef Schell vergleicht derweil Bahn-Chef-Mehdorn mit einer ganzen Reihe von Diktatoren dieser Welt – der Begriff „Bahndiktator“ wird zum Wort des Jahres gewählt. Derweil rechnet die Gewerkschaft die entgangenen Lohnerhöhungen durch und fordert nun eine Gehaltssteigerung von 300 Prozent sowie auch eigenständige Tarifverträge für die Kofferträger und Putzkolonnen der Deutschen Bahn.

Zehn Jahre Streik

Nachdem nun auch die LKW-Fahrer, Taxifahrer und Eselkarrenhalter dem Vorbild der GDL folgen und in einen unbefristeten Streik für einen eigenständigen Tarifvertrag treten, bekommt der Begriff „Home-Office“ eine ganz neue Bedeutung. „Leben und Arbeiten“ – die Arbeitnehmer schlafen nun direkt im Büro.

Die Deutsche Bahn schafft eine eigene Gerichtsbarkeit „Gericht der Bahnen“ mit insgesamt fünf Berufungsinstanzen an 1230 Standorten in Deutschland und verklagt die GDL nun auf 100 Milliarden Euro Schadensersatz „wegen Verstoß gegen Menschenrechte, Beleidigung von Bahnvorständen und verrostenden Schienen und Zügen.“

Manfred Schell lässt sich für weitere 20 Jahre als GDL-Chef wiederwählen. Die GDL wird unbenannt in „Streik- und Pensionsgewerkschaft Deutscher Lokomotivführer“ (SPDL), damit sich auch viele mittlerweile verrentete Streikende noch begrifflich wieder finden. GDL-Chef greift Mehdorn direkt an: „Wir halten noch 1000 Jahre durch. Sie (zensiert).“ Und an die Gewerkschaftsmitglieder gerichtet: „Wollt Ihr den totalen Streik?“

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.

„Dramatische Schocks nicht durch Formeln abbildbar“

Wer wirtschaftet, der riskiert auch etwas. Roland Erben, Vorstandsvorsitzender der Risk Management Association, beschreibt im wiwo.de-Interview das Selbstverständnis von Risikomanagement und warum Unternehmen trotzdem immer wieder in die Krise geraten.

wiwo.de: Warum sollten Unternehmen Risikomanagement betreiben?

Roland Erben: Zunächst aus einem ganz einfachen Grund: Gesetze wie das KonTraG fordern dies von vielen Unternehmen, verlangen hier mehr Transparenz. Eine richtige strategische Chance bietet Risikomanagement aber vor allem dann, wenn es nicht auf das Abhaken einer Checkliste beschränkt wird, sondern im Unternehmen eine echte Risikokultur etabliert wird.

Wer wirtschaftet, der geht ein Risiko ein. Umso wichtiger ist es, dieses Risiko nicht zu verneinen, sondern aktiv damit umzugehen. Dann kann eine realistische Risikoabschätzung getroffen werden – und entsprechend dann das Kosten-Nutzen-Verhältnis für oder gegen eine Investition oder eine Aktion sprechen.

Aber nicht alles lässt sich in Euro und Cent ausrechnen. Viele große Unternehmenskrisen beruhen zum Beispiel auf der unterschätzten öffentlichen Wirkung. Wie soll ein Unternehmen damit umgehen?

Interessant ist doch bei solchen Krisen, wie beispielsweise rund um die Ölplattform Brent Spar von Shell in der Nordsee, dass die öffentliche Meinung als Faktor für Kosten einfach nicht gesehen wurde. Solche qualitativen Kosten – wie sie Fehler in der internen und externen Kommunikation verursachen – werden gerne übersehen. Sie lassen sich nicht in barer Münze als Risiko berechnen, kosten aber im Krisenfall trotzdem viel Geld und Image.

Der einzige wirksame Schutz davor ist, dass das Unternehmen eine offene Kommunikation pflegt, den Risikogedanken in die Unternehmenskultur verankert und vor allem: das Management hier auch als positives Vorbild wirkt. Es ist halt nicht damit getan, nur den Brandschutz oder die IT-Sicherheit zu optimieren. Das begreifen immer mehr Unternehmen.

Liegt Risikomanagement also im Trend?

Risikomanagement ist keine kurzfristige Mode, sondern Unternehmen beschäftigen sich schon lange und immer mehr mit dem Thema. Große Firmen wie SAP und Oracle und viele andere entdecken hier den Markt für spezielle Software für sich. Auch viele mittelständische Firmen bieten Produkte an. Die Branche verspürt hier einen deutlichen Auftrieb: Wurde Risikomanagement zunächst eher mit einer klassischen Tabellenkalkulation betrieben, so steigt der Bedarf nach Spezialsoftware, die zum Beispiel auch Schnittstellen zum Versicherungsmanagement bietet.

Aber immer wieder scheint Risikomanagement selbst bei darauf spezialisierten Unternehmen wie Banken und Versicherungen zu versagen. Beispiel Immobilienkrise: Was haben die Banken falsch gemacht?

Ein Manager meinte kürzlich: Nach meiner mathematischen Berechnung kommt die nächste Krise, die durch unsere Modelle nicht mehr abgebildet wird, nur alle 500.000 Jahre. Dazu kann ich nur sagen: Da sind offensichtlich die Modelle falsch. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass mathematische Formeln dramatische Schocks nicht richtig abbilden. Risikomanagement kann und darf sich also nicht auf mathematische Modelle beschränken. Manchmal ist das Bauchgefühl ein besserer Hinweis auf verborgene Risiken.

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.

Risikokultur muss gelebt werden

Brennendes Trafohaus im Atomkraftwerk, ausfallende Immobilienkredite oder verärgerte Kunden beim Serverausfall: Unternehmen suchen Chancen – und nehmen dafür Risiken in Kauf. Risikomanagement wird dabei häufig noch stiefmütterlich betrieben.

Rund ein Drittel von befragten Unternehmen aus der Finanzbranche verfügt über keine umfassende Sicherheitsstrategie, nur zehn Prozent haben die Zuständigkeit in den Geschäftsbereichen verankert. Das ist das Ergebnis der weltweiten „Global Security“-Studie im Finanzsektor der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte.

Das Risikobewusstsein der Mitarbeiter steht demnach im Vordergrund: Etwa die Hälfte aller Firmen setzt hier derzeit seinen Fokus. Doch: Sven Hesselbach von Deloitte: „Es existiert immer noch eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es fehlt an operativer Übernahme von Verantwortung.“

Wirtschaften ist einfach riskant

„Der Vertrieb will verkaufen“, beschreibt Frank Romeike vom Kompetenzzentrum RiskNet das Dilemma für Risikomanagement, „oft blendet dann das Management Warnungen einfach aus, um das Geschäft nicht zu gefährden.“ Beispiel Immobilienkrise: Die Risiken waren vielen Banken lange bekannt.

Beispiel Trafobrand in einem Atomreaktor von Vattenfall: Die Lücke zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der internen klaffte weit auseinander – und wurde für das Energieunternehmen zum Imageproblem. Ein „qualitatives“ Risiko, wie Roland Erben, Vorstandsvorsitzender der Risk Management-Association, beschreibt, welches schwer in Euro kalkulierbar ist, aber trotzdem hohe Schäden verursacht.

„Es wirkt oft total unlogisch“, kommentiert Romeike. „Denn schließlich füllen Ratgeber zur richtigen Kommunikation ganze Bücherregale. Und dennoch geraten Unternehmen immer wieder in Kommunikationskrisen.“

Unternehmen müssen Risikokultur leben

Risikokultur müsse im ganzen Unternehmen gelebt werden. „Für einen mündigen Mitarbeiter ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sein Handeln auch Risiken beinhaltet“, beschreibt Romeike. „Wenn aber der Chef bei jedem Fehler Wutattacken bekommt, dann wird der Mitarbeiter Fehler und Risiken auch nicht mehr eingestehen und folglich ignorieren. Die Risikokultur muss im Unternehmen vorgelebt werden.“

Dabei werden die Anforderungen des Gesetzgebers immer strenger: KonTraG – Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich – zum Beispiel verpflichtet deutsche Aktiengesellschaften seit 1998 zu mehr Transparenz und zum Risikomanagement.

Aus diesen Gründen ist der Finanzsektor auch besonders weit bei diesem Thema. „In der Industrie ist das Bild uneinheitlich“, so Romeike. Aber auch Telekommunikationsunternehmen wie etwa Kabel Deutschland haben Risikomanagement mittlerweile fest in die Konzernstruktur integriert.

Riskmanagement als strategisches Instrument

„Viele Unternehmen sehen es aber nicht mehr nur als eine Pflicht, sondern wollen Risikomanagement strategisch einsetzen“, ergänzt Roland Erben. Er verzeichnet hier einen Auftrieb. Neben vielen kleineren Unternehmen bieten mittlerweile auch SAP und Oracle spezielle Softwareprodukte an.

„Aber es beginnt meistens mit einer einfachen Tabelle“, beschreibt Erben. „Damit wird dann überhaupt erst einmal das Bewusstsein für das Thema Risiko im Unternehmen geweckt.“ Die Software geht einen Schritt weiter, unterstützt neben Simulationsrechnungen auch Vermeidungs- und Verminderungsstrategien, echtes Management eben. Nachteil: Bisher ist der Markt für solche Softwarelösungen sehr unübersichtlich.

Generell rät Frank Romeike: „Lieber pragmatisch, als mathematisch.“ Sprich: Lieber zehn Risiken richtig abschätzen und Strategien dafür formulieren und umsetzen, als 2000 Einzelrisiken in einer unübersichtlichen mathematisch-stochastischen Art auswerten. „Das geht an den Köpfen der Mitarbeiter vorbei“, so Romeike. „Und die müssen den Risikogedanken verstehen und mittragen.“

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.

Kanarische Weihnachten in Bikini

25 Grad Lufttemperatur. Und vier Buden auf dem vorweihnachtlichen Markt von Santa Cruz. Auf Teneriffa feiern die Touristen das Weihnachtsfest halb nackt am Strand. Und die Einheimischen wie gewohnt entspannt mit etwas Folklore und gutem Essen.

Teig wie Sand, ein bisschen Puderzucker und Nüsse: Und mitten in den etwa fünf Zentimeter großen Ballen klebt das „Carballo de Angelo“, das „Engelshaar“ aus Zucchini-Marmelade. Die „Polverones“ sind ein typisches Weihnachtsgepäck auf der Kanareninsel Teneriffa.

„Die ganze Familie schlemmt gemeinsam“, sagt Gilberto. Gilberto Bethencourt, Reiseführer und Ur-Kanare, mag das Essen. Zwei Mal am Tag ist eine warme Mahlzeit für ihn und viele Kanaren sowieso normal. Und von Heiligabend an bis zu den Drei-Heiligen-Königen gibt es davon noch einmal eine Portion mehr, jeden Tag, mit der ganzen Familie.

Zum Beispiel das typische „Conejo al Salmorejo“, das in dunkler Kräutzerbeize geschmorte kanarische Kaninchen. Das kann auch jeder Tourist in den zahlreichen Inselrestaurants kosten, am besten in Kombination mit den in starkem Salzwasser gekochten, ungeschälten Kartoffeln. „Aber es gibt kein typisches Weihnachtsessen“, sagt Gilberto. „Hier kommt alles auf den Tisch und zwar reichlich.“

Ewiger Frühling auch zu Weihnachten

Ein menschengroßer römischer Plastiksoldat ragt kurz vor Weihnachten aus einem Karton. Auf dem Rathausvorplatz der Bergstadt La Orotava gibt es jedes Jahr ein großes Weihnachtsspiel. Und auch sonst bietet die Stadt im Inselvergleich überdurchschnittlich viel Festtagsstimmung.

Sprich: Ein bisschen Straßenbeleuchtung hier, ein Krippenspiel dort. Und vor allem: Überall die roten und gelben Weihnachtssterne, die schon im 16. Jahrhundert von Mexiko aus die Insel erreichten. Diese werden auf den Kanaren bis zu vier Meter hoch und sie blühen prächtig. Das ganze Jahr.

Denn auf Teneriffa ist das ganze Jahr über Frühling, auch zu Weihnachten. Zumindest am Hang des 3.718 Metern hohen Teide, dem erloschenen Vulkan Teneriffas. „20 Klimazone gibt es hier“, erklärt Gilberto. „Die ganze Insel ist geprägt von unzähligen Mikroklimazonen.“

Nackte Haut am Strand

Die Spitze des Teide ist da exemplarisch für die kalten Regionen und bietet damit echtes Weihnachtswetter: Sie ist mit Schnee bedeckt und auch die knapp fünf Grad Lufttemperatur kommen nahe an deutsche Verhältnisse heran. Hagelstürme und Regen wechseln sich mit Sonnenperioden ab.

Charakteristisch ist auch in etwa 1500 Meter Höhe die Passatwolke, die an den Nordhang des Berges prallt und ihn in Dauernebel hüllt. „Diese wird von den kanarischen Kiefern gemolken“, sagt Gilberto, „und ist deshalb so wichtig für den Wasserhaushalt der Insel.“

Und charakteristisch ist natürlich auch der ewige Sonnenschein im Süden der Insel direkt am Meer. Bei angenehmen 20 bis 25 Grad, ganzjährig. In die Ferienorte wie etwa Playa de las America, Costa Adeje oder Los Christianos reihen sich die Hotelanlagen aneinander. Hierhin zieht es viele Weihnachtstouristen. Weihnachten findet hier ein wenig in der Hotellobby statt mit einem blinkenden Weihnachtsbaum. Und ansonsten am Strand: In den Weihnachtsferien ist hier wieder Hochsaison und viel nackte Haut aalt sich am Strand oder kühlt sich im Meer.

Weihnachtsmarkt erst später

Aber auch auf Teneriffa gibt es natürlich einen traditionellen Weihnachtsmarkt. Allerdings nicht vor Weihnachten. Er findet vom 22. Dezember bis zum 6. Januar in der Inselhauptstadt Santa Cruz de Teneriffe statt, bietet heimische Handwerkskunst an etwa 50 Ständen.

Am 6. Januar wird die Ankunft der Heiligen drei Könige gefeiert und dann werden auf Teneriffa traditionell die Geschenke überreicht. Deshalb ist in der Woche vor Weihnachten auch auf dem Plaza de España nicht sonderlich viel los. Vier Stände bieten da nur ein paar Kleinigkeiten an.

Dazu gehört auch das „Polverone“. Ein bisschen schmeckt der Teig mit dem „Engelshaar“ wie der Dresdner Christstollen. Dazu dann noch einen „Barraquito“. Dieser Espresso kombiniert Milch und Milchrahm mit Zimt und Zitronenschale zu einem süßen Getränk. Und bringt den deutschen Gaumen garantiert auf Weihnachtsstimmung. Da ist es dann nicht mehr so wichtig, dass auch dieses Getränk auf Teneriffa keinen Sommer und Winter kennt und von den knapp 850.000 Kanaren das ganze Jahr getrunken wird.

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.

Der ökonomische Ökocomputer

Die Klimadebatte holt auch die als sauber geltende Computerbranche ein. Denn immer mehr Geräte verbrauchen immer mehr Strom, sind auch in ihrer Herstellung nicht gerade „grün“. Mit „Green IT“ drängen die Hersteller ihre Kunden hin zu „öko“ – und argumentieren dabei ökonomisch.

Die neuen Prozessoren des Rechenzentrums leisten mehr und verbrauchen dennoch 75 Prozent weniger Energie, die Serverlandschaft braucht nur noch ein Fünftel des Platzes bei gleicher Leistung – und spart ebenfalls 90 Prozent der Energie im Vergleich zum Vorgänger. Feiner Wassernebel sorgt auch dafür, dass die Kühltechnik nur noch ein Zehntel des bisherigen Stroms benötigt.

Effizientere Hardware und intelligente Software, optimiertes Recycling und „grüner“ Strom: Auf diesen Standbeinen steht „Green IT“, die Öko-Informationstechnologie. Wie beim Rechenzentrum von Strato, eines europaweit führenden Unternehmens für die eigene Internetadresse.

In vielen deutschen Unternehmen ist die Idee angekommen: So gaben 44 Prozent der befragten Unternehmen einer IBM-Studie an, eigene Umweltschutzziele definiert zu haben. International ergreifen demnach 55 Prozent Maßnahmen, um den Energieverbrauch ihrer Computer zu senken. Für seine Studie „Grüne IT im Mittelstand“ hat der Computergigant weltweit 1.400 Unternehmen befragt.

Öko lässt sich gut vermarkten

So uneigennützig und moralisch, wie dieses Engagement auf den ersten Blick wirkt, ist es dann aber doch nicht: Für Unternehmen hat Grüne IT handfeste ökonomische Vorteile. „Grüne IT bedeutet für Unternehmen in erster Sicht Kostenersparnis“, skizziert Ralph Boßler vom IT-Systemhaus Sylphen. „Zum einen wird dies durch Einsparung von den steigenden Energiekosten erreicht und zum anderen durch Optimierung der Verwaltungsaufwände.“

„Der richtige Einsatz von IT kann in allen Industrien helfen, Energiebedarf und Emissionen zu reduzieren und damit auch noch wirtschaftlicher zu arbeiten“, sagt Michael Ganser, Deutschland-Chef von Cisco, im wiwo.de-Interview. „Denn alle ökonomischen Probleme dieser Welt brauchen eine technische Lösung.“

Ganz ökonomische Argumente also für das Öko-Thema. Rüdiger Kühr von der „Solving the E-Waste-Problem“-Initiative (StEP) an der UN-Universität in Bonn kommentiert: „Da ist jetzt ein Markt für da. Ich erwarte, dass die Hersteller schon im kommenden Jahr mit selbst gelabelten Produkten auf den Markt drängen werden. Die Aussagekraft dieser Labels ist aber sehr zweifelhaft.“

Herstellung und Recycling wenig transparent

Rüdiger Kühr beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Aspekt der Herstellung und des Recyclings von Elektrogeräten: „Auch hier wird die ökonomische Notwendigkeit immer stärkeren Druck ausüben“, sagt der Experte. „Die Ressourcen vieler wichtiger Rohstoffe sind begrenzt und die Preise explodieren.“

Die Industrie habe also ein eigenes Interesse an Recycling. „Wenn wertvolle Elemente verbuddelt oder verbrannt werden, sind sie verloren“, sagt Kühr. „De fakto ist es aber bisher immer noch Lücken zur Gänze nachzuvollziehen, was mit dem Elektroschrott nach der Rücknahme geschieht. So gelangt nach wie vor Elektroschrott in Schwellenländer.“

Auch deshalb hält Kühr Ökolabel für fragwürdig: „In der Branche braucht es weiterer Anstrengungen, allgemeingültige Standards zu definieren“, so Kühr. „Der Weg der Rohstoffe und Produkte ist durch ihre weltweiten Stoffströme heute nicht transparent nachvollziehbar, in der Herstellung und auch im Recycling nicht.“

30 Prozent weniger Energie pro Kunde

Vor diesem Hintergrund spricht Kühr auch nicht von „ökologischen“ Computern. „Klassischerweise kann IT nicht ökologisch sein, da mit ihr zwangsweise immer viel Ressourcen verbraucht werden“, sagt er. „Aber wenn natürlich die Herstellung, Nutzung und Entsorgung möglichst effizient gestaltet werden, dann ist sie zumindest umweltfreundlich.“

Gerade im Bereich Energie gibt es riesiges Einsparpotenzial. Strato realisierte so eine Stromersparnis von 30 Prozent pro Kunden in den letzten 18 Monaten. Da das Unternehmen nun auch den benötigten Strom regenerativ erzeugen lässt, werden nach Eigenangaben dadurch 15.000 Tonnen CO2 weniger im Jahr in die Luft geblasen.

Damian Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Strato AG: „Man muss in einem Investitionszeitraum von drei bis fünf Jahren rechnen und darf nicht zu kurzfristig denken : der eingesparte Energieverbrauch rechnet sich über die Zeit.“ So verbindet sich am Ende Ökonomie und Ökologie zumindest ein Stück weit zum ökonomischen Ökocomputer.

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.

Energie sparen auf sechs Etagen

Ohne CO2 laufen hier ab 2008 die Computer. Die Strato AG, Europas zweitgrößtes Webhoster, setzt auf weniger Stromverbrauch der Rechenzentren. Ökonomische Gründe treffen hier auf ökologischen Nutzen.

Die kalte Luft strömt durch Bodengitter und prallt in etwa 2,50 Meter Höhe gegen ein Panel. In langen Reihen, auf sechs Etagen. Sie wirbelt durch die Gehäuse der Computer durch und kommt am anderen Ende zehn Grad wärmer wieder hinaus, wird oben abgezogen. Hier vibriert und brummt es gewaltig. „Man merkt förmlich, wie hier das Internet arbeitet“, sagt Damian Schmidt.

Strato betreibt zwei Rechenzentren. 3,5 Millionen Internetadressen von einer Million Kunden verwaltet das Unternehmen. Die Datenmenge verdoppelt sich alle vier Monate, die Anforderungen an die Rechenzentren steigen. Sie benötigen Kühle für die Prozessoren. Und viel Strom für deren Betrieb.

Ökonomische Gründe spielten bei Strato deshalb eine wichtige Rolle, als das Unternehmen auf energieeffiziente Hardware und intelligente Software umgeschwenkt ist. Denn Strom ist teuer und wird immer teurer. Je weniger Strom das eigene Rechenzentrum benötigt, desto besser für die Kundenpreise und desto besser für den Gewinn. „Man muss in einem Investitionszeitraum von drei bis fünf Jahren rechnen und darf nicht zu kurzfristig denken – der eingesparte Energieverbrauch rechnet sich über die Zeit“, sagt der Vorstandsvorsitzende Schmidt.

30 Prozent weniger Strom pro Kunde

Und dass gespart wird, demonstriert Strato an konkreten Zahlen: Um 30 Prozent wurde der Stromverbrauch pro Kunde in den letzten 18 Monaten gesenkt. Das Unternehmen setzt dabei auf eine einheitliche Serverlandschaft, investiert in eigene Softwareentwicklung. Die Systeme werden in Auftragsarbeit individuell von einer Manufaktur zusammengebaut und Strato setzt dabei auf führende Hersteller.

Betriebssysteme, die nicht Unmengen an Codezeilen vorhalten, die gar nicht benötigt wird. Prozessoren, die sich in Arbeitspausen selbsttätig herunterregulieren. Serverlandschaften die virtuell und nutzungsorientiert zusammenarbeiten und so eine optimale Auslastung gewährleisten.

Die Ansätze für die Einsparung von Energie in einem Rechenzentrum sind unterschiedlich: Software, Hardware oder Lüftung – überall gibt es Stellschrauben, die im Kleinen sparen und im Großen die Gesamtenergiebilanz verbessern.

Weitere Einsparpotenziale liegen in der Technik

Und die Entwicklung geht weiter. Strato erzeugt mit seinem Energiebedarf ab 2008 kein CO2 mehr. Der benötigte Strom wird dann von einem Naturstromunternehmen direkt aus Laufwasserkraft erzeugt.

„Klimaschutz und Energieeffizienz sind wirtschaftliche und strategische Themen, denen man gar nicht genug Bedeutung beimessen kann“, kommentiert Damian Schmidt, „deshalb sind sie im Vorstand richtig aufgehoben.“

Strom ist limitierender Faktor im Rechenzentrumsbetrieb. Durch die neuen, energieeffizienten Anlagen wurde kostbarer Rechenzentrumskapazität gewonnen. Green Computing bietet Strato deshalb neuen Platz für Expansion in bestehenden Gebäuden, also für noch mehr Kunden und noch mehr Server. So dass es in den Serverräumen noch ein wenig mehr vibriert und brummt und das Internet so förmlich spürbar wird.

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.

„Die Technik hat einen extremen Sprung gemacht“

Michael Ganser im Interview: Was gut für die Umwelt ist, ist bei großen Rechenzentren auch gut fürs Unternehmensbudget. Cisco-Deutschland-Geschäftsführer Michael Ganser erklärt im wiwo.de-Interview auch die neuen Vorzüge von Videokonferenzen.

wiwo.de: Cisco propagiert derzeit besonders stark „Green-IT“-Konzepte. Warum macht ihr Unternehmen das?

Michael Ganser: Wir haben festgestellt, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Vielen Unternehmen geht es bei Energieeffizienz um Wirtschaftlichkeit – erst danach werden grüne Belange berücksichtigt.

Aus unserer Sicht kommt auf die Informationstechnologie für beide Bereiche eine langfristige und wichtige Aufgabe zu. Denn alle ökonomischen Probleme dieser Welt brauchen eine technische Lösung. Der richtige Einsatz von IT kann in allen Industrien helfen, Energiebedarf und Emissionen zu reduzieren und damit auch noch wirtschaftlicher zu arbeiten.

Cisco ist Spezialist für Netzwerktechnologie. Wo konkret sparen Sie hier Strom zugunsten der Umwelt?

Unsere modernen Prozessoren haben zum Beispiel eine 20-fach höhere Leistung als noch vor einigen Jahren. Ein normales Auto müsste bei gleichem Spritverbrauch seine Leistung von 100 auf 2000 PS steigern. Standardisierte Module ermöglichen es, dass auch die neue Technik in bestehende Chassis untergebracht werden kann. Damit wird auch Müll vermieden.

Generell geht der Trend beispielsweise in einem intelligenten Netzwerk bei großen Rechenzentren zu konsolidierter und virtualisierter Servertechnik. Ungenutzte Ressourcen werden dabei automatisch abgeschaltet. So gibt es intelligente Chips, welche die Auslastung selbstständig feststellen und dann beispielsweise einen Prozessor herunterregeln. Dezentral werden trotzdem alle Leistungen bereitgestellt, aber die Ressourcen eben optimal ausgenutzt. Mit diesem Konzept lässt sich bis zu 85 Prozent Energie sparen.

Stichwort Videokonferenz: Hier werben Sie ebenfalls mit immensen Kosteneinsparungen.

Ja, dadurch lassen sich Reisekosten sparen. Bei Cisco gibt es zum Beispiel Management-Meetings, bei denen 25 Personen aus ganz Deutschland nun über Video zusammenkommen. Neben dem Stress – morgens um 5 Uhr aufstehen und zum Flughafen fahren – hat dies auch sehr hohe Reisekosten verursacht.

Und natürlich auch sehr stark unsere Umwelt mit CO2 belastet. Durch „TelePresence“ – wie wir die neue Generation der Videokonferenzen in Echtzeit und Lebensgröße nennen -werden Reisekosten minimiert und wir konnten im letzten Geschäfsjahr weltweit unseren CO2-Ausstoß um zehn Prozent senken.

Aber spielen nicht bei solchen Treffen auch persönliche Kontakte eine Rolle, die nonverbale Kommunikation?

Ich sehe hier einen Wandel in der Arbeitswelt und in der Art, wie Menschen zusammenarbeiten. Die Technik hat hier auch einen extremen Sprung gemacht. Heute ruckeln die Videobilder nicht mehr in schlechter Qualität über einen Bildschirm.

Im Gegenteil: Per TelePresence schaltet sich ein Mitarbeiter von Cisco in Hongkong direkt mit seiner Assistenz in London zusammen. Und sie arbeiten so zusammen, als würden sie direkt nebeneinander sitzen. Die Technik ist so gut, dass schon nach kurzer Zeit das Gefühl des direkten Kontakts entsteht.

Aber wie ist das mit der Emotionalität dabei, geht diese nicht verloren?

Im Gegenteil: Mitarbeiter von Cisco kommen auf diese Art und Weise mit ihren weit entfernten Familien zusammen. Wir ermöglichen das unseren Mitarbeitern ausdrücklich. TelePresence ist einfach ausgereift und transportiert Stimmungen gut. Die Situation ist so real, man könnte sich sogar verlieben.

Per Video können Menschen mittlerweile quasi miteinander ins Restaurant gehen. Bei „Video Dinnings“ verabreden sich in Zukunft zwei Menschen an unterschiedlichen Orten der Welt, gehen dort ins Restaurant und sind sich trotzdem nahe.

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.

„Überzeugungsarbeit ist tatsächlich aufwendig“

IT-Projekte an der Hochschule: Arndt Bode ist seit 2003 Chief Information Officer der Technischen Universität München – und hat damit gleichzeitig den Rang eines Vizepräsidenten, wie er im wiwo.de-Interview erläutert.

wiwo.de: Den Chief Information Officer (CIO) kennt man sonst nur aus der freien Wirtschaft. Wie passt diese Position in die Verwaltung einer Uni?

Arndt Bode: Die moderne Universität benötigt für nahezu alle Aufgaben in Forschung, Lehre und Verwaltung Unterstützung durch Informatik und Informationstechnik, vom Wissensmanagement für den Forscher, bis hin zur Gehaltsabrechnung für die Mitarbeiter durch die Verwaltung.

Die Änderungen und ihre effiziente Unterstützung durch IT-Maßnahmen greift tief in die Strukturen der Hochschule ein. Deshalb kann der CIO kein einfaches Mitglied der Verwaltung sein, sondern muss die strategische Planung der Hochschule selbst beeinflussen und direkten Zugriff auf die leitenden Figuren der Hochschule haben.

Was konnten Sie in den letzten zweieinhalb Jahren als CIO erreichen?

Wir haben das Integrationsprojekt IntegraTUM vor zweieinhalb Jahren begonnen und werden es sicher in knapp zweieinhalb Jahren erfolgreich abschließen, nach der geplanten fünfjährigen Projektlaufzeit. Wir werden dann eine integrierte IT-Infrastruktur haben, die in getrennten Projekten durch Anwendungen zur Unterstützung des gesamten Studierendenlebenszyklus, für das E-Learning, für elektronische Dienste der Bibliothek und für den gesamten Bereich der Verwaltung entwickelt wird.

Wie überzeugen Sie Ihre Kollegen bei der Hochschulleitung davon, dass mehr Gelder in den Ausbau der IT an der Uni fließen müssen?

Diese Überzeugungsarbeit ist tatsächlich aufwendig. Es geht nur darüber, dass der Hochschule die Einsicht in die Notwendigkeit der Veränderung der Prozesse vermittelt wird und dann gezeigt wird, wie IT diese Prozesse unterstützen kann.

Sie sind eigentlich Informatiker, halten auch immer noch Vorlesungen auf diesem Fachgebiet. Wie groß war für Sie der Schritt vom Professor zum CIO?

Die Entwicklung einer nahtlosen IT-Infrastruktur für Hochschulen ist für sich gesehen bereits eine Forschungs- und Entwicklungsaufgabe. Darüber hinaus bin ich auch immer noch in meinem Lehrstuhl tätig und bearbeite dort die Fragestellungen von wissenschaftlichen Hochleistungsrechnern und ihren Architekturen.

Mittlerweile gibt es auch an anderen deutschen Hochschulen die Position des CIO. Sind Universitäten ohne CIO künftig überhaupt noch denkbar?

Denkbar sind Hochschulen ohne CIO schon. Es gibt auch sicher noch einige. Diese Hochschulen werden aber massive Nachteile in der Konkurrenz der Hochschulen um Studierende und Forschungsmittel haben, weil man die IT-Infrastruktur einer Hochschule nicht von der Stange kaufen kann, weil sie für jede Hochschule ziemlich spezifisch ist.

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.

Berufsbild des Chef-Informatikers wandelt sich

Die Karriere in der Informationstechnologie führt heute als „Chief Information Officer“ (CIO) bis in die Chefetage. Wer heute CIO werden will, braucht Biss und gute Beziehungen zu Personalberatern.

Ein CIO leitet die IT-Abteilung und fällt gleichzeitig Entscheidungen, die für den Unternehmenserfolg von hoher Bedeutung sind. CIO zu sein, ist also ein vielseitiger Job mit hohen Ansprüchen – für viele Studienabgänger sicher ein Traumjob.

Doch der Weg dahin ist lang: Die Position des CIO ist in vielen Unternehmen direkt mit der Ebene der Geschäftsführer oder Vorstände verbunden. Bis jemand CIO wird, muss er erst einmal viele niedrigere Positionen durchlaufen.

Dennoch werden die CIOs in Deutschland immer jünger: „Bei mindestens der Hälfte aller Dax-Unternehmen haben sich die Positionen altersmäßig sehr verjüngt“, sagt Wolfgang Franklin, Vorsitzender des Vereins „cioforum“. „Die meisten von ihnen sind so Ende 30, Anfang 40.“

Neue Rolle für CIOs

Das hängt mit der veränderten Rolle des CIO zusammen: Früher hatten fast alle IT-Leiter Informatik oder Mathematik studiert. Viele von ihnen sind noch immer in leitenden Positionen tätig. Diese reinen Techniker würden heute jedoch in vielen Unternehmen zum Problem, meint Franklin.

Denn die IT trägt mittlerweile unbestritten zum Geschäftserfolg bei. Klappt allerdings die Kommunikation zwischen IT und Geschäftsseite nicht, hat das Folgen für die Firma. Von den CIOs wird deshalb immer mehr verlangt, dass sie sich mit der Geschäftsseite auseinandersetzen und eine Verbindung zwischen IT und anderen Unternehmensbereichen herstellen können.

Mit der Änderung des Berufsbilds von der rein technischen Seite hin zu einer geschäftsorientierten Sicht kommen auch Probleme auf die Beschäftigen zu. Michael Baurschmid, Doktorand an der Duisburg-Essen, beschäftigt sich damit im Rahmen seiner Dissertation. „Ich frage mich, wie die Personen mit dieser veränderten Rolle umgehen“, sagt Baurschmid, „Werden sie ihren Beruf überhaupt bis zur Rente fortführen können? Wie kann man langfristig erfolgreich sein?“

Keine vorgeschriebene Ausbildung

Helmut Krcmar, Professor für Wirtschaftsinformatik an der TU München und Mitgründer des Netzwerks CIO-Circle, meint dazu: „Die Personen, die diese Aufgaben schon länger ausfüllen, prüfen immer wieder, ob der Auflagen- und Erwartungsmix in Übereinstimmung sind. Außerdem haben sie gelernt, nicht nur auf Veränderungen zu reagieren, sondern sie auch anzustoßen.“

Durch die veränderte Rolle eines CIO haben sich auch die möglichen Ausbildungswege gewandelt. Eine vorgeschriebene Studienlaufbahn gibt es nicht. „Wer ein betriebswirtschaftliches Studium abgeschlossen hat, am besten mit einem Master of Business Administration (MBA), und zusätzlich noch eine informationstechnologische Ausbildung absolviert hat, hat eine gute Grundlage“, sagt „cioforum“-Chef Franklin.

Der Studienabschluss führe jedoch nicht vom Fleck weg zur Stelle als CIO. „Einstiegspositionen suchen und Networking zu Personalberatern betreiben“, rät Franklin. „CIOs werden äußerst selten über Stellenanzeigen gesucht.“ Er selbst kam als Quereinsteiger in die IT-Branche.

Schwerer Stand für Frauen

Diesen Weg hat auch Gabriele Geiger gewählt. Die 39-Jährige arbeitet bei der Uni-Klinik Köln in der IT-Abteilung. Zum CIO hat sie es noch nicht geschafft. Und im deutschen Gesundheits-IT-Bereich bestünden dafür auch kaum Chancen, meint sie.

„Die Vorurteile gegenüber Frauen in unserer Branche sind enorm. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass es kaum Frauen in der Gesundheits-IT gibt.“ Momentan bewirbt sich Gabriele Geiger auf Stellen in Österreich. Zwar seien die Gehälter für Frauen wie Männer dort schlechter als in Deutschland. Aber: „Die Wertschätzung von Frauen in der IT ist dort eine ganz andere.“

Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt Initiativen, die Frauen den Einstieg in die IT-Branche erleichtern sollen. Beispielsweise gibt es mittlerweile an der Fachhochschule Bremen den „Internationalen Frauenstudiengang Informatik“.

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.

Als IT-Chef Mittler zwischen den Welten

Klaus Hardy Mühleck ist als „Chief Information Officer“ Mitglied der Konzernleitung von Volkswagen. Trotzdem muss er jeden Tag kämpfen. Ein Porträt.

Wenn er aus seinem Bürofenster schaut, sieht Klaus Hardy Mühleck das Wolfsburger VW-Werk und die Autostadt. Dort rollen täglich neue Fahrzeuge vom Band, manche Kunden holen ihr Auto direkt dort ab.

Mühleck ist mitverantwortlich dafür, dass die neuen Autos überhaupt gebaut werden können: Als CIO, Chief Information Officer, ist der 52-Jährige für die gesamte IT bei Volkswagen zuständig. Schon zuvor hatte Mühleck über zwei Jahrzehnte hinweg die Entwicklung der Informationstechnologie bei den Automobilkonzernen verfolgt.

Seit rund dreieinhalb Jahren ist Mühleck CIO bei VW. Bei einem Team von rund 40 Fachleuten laufen bei ihm, in der Konzernzentrale, die IT-Fäden zusammen. Weltweit beschäftigen sich mehrere tausend Mitarbeiter mit der Informationstechnologie von Volkswagen. „Seit den 80-ern ist der IT-Markt explosionsartig gewachsen“, sagt der CIO. „Die IT ist heute das Nervenkostüm eines Unternehmens.“

„IT ist kein Selbstzweck“

Seine Mitarbeiter stellen sicher, dass alle Abteilungen vernetzt sind. Volkswagen produziert acht verschiedene Marken in der ganzen Welt, in China und Russland, in Argentinien und Südafrika. Alle Standorte sind mit der Konzernzentrale in Wolfsburg vernetzt. „Wenn in Mexiko etwas bei der Produktion schief läuft, erfahre ich das innerhalb von einer halben Stunde“, sagt Mühleck.

Wird ein neues Fahrzeugmodell geplant, so entsteht es erst virtuell am Computer, betreut von der zentralen IT. Die Produktionsplanung erfolgt ebenfalls auf der Basis von digitalen Modellen, bevor die ersten Prototypen tatsächlich gebaut werden. „IT ist kein Selbstzweck“, sagt der Volkswagen-CIO. „Sie ist Bestandteil des Unternehmens und muss sich in die Strukturen einfügen.“

Bevor neue Software eingeführt wird, muss Klaus Hardy Mühleck deshalb mit seinen Kollegen darüber entscheiden, ob die Software zum Unternehmen passt. „Die Software ist aber noch der geringste Teil des Projekts“, erklärt er. Die große Aufgabe beim „Change-Management“ sei, die Veränderungen ins Unternehmen zu tragen, beispielsweise durch Schulungen.

Nachholbedarf in Deutschland

Bei europäischen Unternehmen sieht Mühleck noch großen Nachholbedarf, was den Stellenwert der IT anbelangt. „Ich wünsche mir, dass da die Kultur der Amerikaner nach Europa schwappt“, sagt der Volkswagen-CIO. In den USA seien die CIOs auf Vorstandsebene angesiedelt, der IT-Bereich werde als gleichwertiger Teil der Firma angesehen. Dagegen sei die IT-Verantwortung in vielen deutschen Unternehmen viel niedriger aufgehängt. „Bei manchen Firmen darf der IT-Leiter lediglich das Rechenzentrum bedienen“, so Mühleck.

Bei Volkswagen hat der IT-Chef sein Büro direkt in der Konzernzentrale. In den Nachbarbüros sitzen die Konzern- und Markenvorstände. „Dadurch habe ich einen strategischen Vorteil in der Kommunikation“, sagt der CIO. Er müsse sich trotzdem jeden Tag neu behaupten. „IT ist kompliziert. Ich muss mit den Kollegen kämpfen, damit sie den Stellenwert der Informationstechnologie akzeptieren.“

Mühleck sieht sich als „Mittler zwischen den Welten“: Er muss die Fachsprache der IT-Mitarbeiter sprechen, aber auch die Fachsprache der anderen Bereiche, wie zum Beispiel Finanzen, um im Unternehmen Gehör zu finden. „Das ist eben die moderne Rolle des CIO“, sagt Mühleck.

Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.