Der Mythos vom Superboss

Will der Gründer den „Ein-Mann-Betrieb“ voran bringen, wird er plötzlich selbst zum Chef. Manche Gründungsidee lässt sich gar nicht erst alleine verwirklichen: Die Wahl und Motivation der Mitarbeiter entscheidet maßgeblich über den Erfolg einer Existenzgründung. wiwo.de verrät Gründern, wie sie ihre Mitarbeiter erfolgreich führen.

Vor neun Jahren machte sich Andreas Nold mit zwei weiteren Mitgründern selbständig. Nold hatte zuvor schon einige Jahre eine Firma für Büromöbel geleitet, zuvor in Magdeburg Informatik studiert. Ein Jahr lang suchte das Gründer-Trio eine Marktlücke: Seit dem Jahr 2000 entwickelt seine icubic AG in Magdeburg Software für den elektronischen Handel mit Wertpapieren. Die Idee funktionierte von Anfang an. Schon nach einem halben Jahr hatte Nold so viele Aufträge, dass er einen großen Teil der Arbeit an neue Mitarbeiter delegieren musste.

Die meisten Gründungsprojekte in Deutschland sind eher klein. Die KfW-Bank schätzt, dass rund 74 Prozent aller Gründungen ohne Mitarbeiter erfolgen. Und: Im Durchschnitt beschäftigt jeder Selbstständige nur 0,9 Mitarbeiter.

Viele Gründer könnten sich früh jede Menge administrativen Ärger sparen.“Gerade für organisatorische Abläufe ist es sinnvoll, schon früh neue Mitarbeiter einzustellen“, rät Jürgen Liebig, Geschäftsführer der Basic Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, und jahrelanger Berater von Existenzgründern. „Wenn es darum geht, Stellen zu besetzen ist es ratsam, sich im Bekanntenkreis umzuhören und persönliche Empfehlungen einzuholen.“

Den passenden Mitarbeiter finden

Genau das tat Andreas Nold bei der Einstellung seiner ersten Mitarbeiter. „Wir hatten anfangs ausschließlich Personen aus unserem Bekanntenkreis oder auf persönliche Empfehlungen hin eingestellt. Stellenausschreibungen gab es da erstmal nicht“, so Nold. Die Vorstellungsgespräche führten er und seine beiden Gründungskollegen damals noch selbst- heute haben sie dafür eigene Mitarbeiter. Doch eines gilt für Nold seit den Anfangstagen: „In unserer Branche ist fachliches Wissen sicher entscheidend. Aber soziale Kompetenzen, vor allem Teamfähigkeit, sind unerlässlich.“

Das Geld sitzt Existenzgründern selten locker. Wenn das in unmotivierte Mitarbeiter fließt, ist das fatal.“Zeugnisse sind hier nur Momentaufnahmen“, sagt auch Liebig. „Wirklich entscheidend ist das Vorstellungsgespräch und der persönliche Eindruck.“

Der Gründer muss sich vor dem Vorstellungsgespräch allerdings entscheiden, welche Form von Arbeitsverhältnis er anbieten möchte. Denn ab sofort trägt er eine soziale Verantwortung gegenüber seinem Mitarbeiter. Ob Teilzeitjob, Zeitarbeitsverhältnis oder Vollzeitbeschäftigung : hier entscheidet meist der finanzielle Spielraum des Gründers. Bei den örtlichen Niederlassungen der Handelskammern gibt es viele hilfreiche Tipps zu den unterschiedlichen Formen von Arbeitsverhältnissen. Auch Fragen rund um Versicherung und Gehalt werden hier ausführlich beantwortet.

Hat der Gründer dann den passenden Mitarbeiter gefunden, muss er ihn bei Laune halten. Hierbei sind klare Strukturen im Betrieb unerlässlich, damit der Mitarbeiter seine genauen Aufgaben kennt. Dies beginnt schon bei der Stellenbeschreibung, in der die Aufgaben und die zu vergebene Position klar definiert sein müssen. „Wenn Mitarbeiter spüren, dass sie gebraucht werden, steigert das die Motivation und die Mitarbeiter identifizieren sich mit dem Betrieb“, so der studierte Informatiker Nold, der den kooperativen Führungsstil bevorzugt. „Dann ist es auch entscheidend, den Mitarbeitern zu vertrauen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Fehler zu machen.“

Wirtschaftsprüfer Jürgen Liebig bekräftigt ihn darin: „Um Ziele zu erreichen, müssen Gründer und Mitarbeiter in regelmäßigem Kontakt stehen, “ sagt Liebig. Ein guter Chef nimmt sich Zeit für seine Mitarbeiter. Auch ein paar regelmäßige Rituale und Belohnungen können nicht schaden. Die Mitarbeiter der icubic AG veranstalten etwa jedes Jahr eine Firmen-Weihnachtsfeier, fahren gemeinsam ins Harzgebirge oder gehen auf Firmenkosten gemeinsam Bowling spielen.

Konflikte : sowohl zwischen Chef und Mitarbeiter als auch unter den Mitarbeitern – sollte der Chef so rasch als möglich ansprechen und lösen. Hier muss der Chef konsequent sein. Im Zweifel hilft ein externer Moderator, um festgefahrene Konflikte aufzulösen. Liebig empfiehlt Gründern regelmäßige Beurteilungstermine, etwa jedes halbe Jahr oder einmal pro Jahr, um Probleme anzusprechen oder konstruktive Kritik zu üben.

Feedback sollte immer schnell und in einem Gespräch unter vier Augen erfolgen. Damit es auch richtig beim Mitarbeiter ankommt, muss es sich eine bestimmte Situation oder ein konkretes Projekt beziehen. Konstruktive Kritik muss sich sachlich auf eine bestimmte Handlung beziehen, nie auf die Person selbst. Außerdem muss der Mitarbeiter die Chance bekommen, sich zu der Kritik zu äußern. Viele Gründer scheuen anfangs die Konfrontation, weil sich schlichtweg noch nie in der Situation des Arbeitgebers waren.

Wenn Emotionen bei konstruktiver Kritik außen vor bleiben, kann der Chef die Chance aber auch nutzen, nach der Zufriedenheit des Mitarbeiters zu fragen. Ist ein Ziel oder ein Teilziel erreicht, tut ein einfaches Lob oft wahre Wunder. Dies sollte immer ehrlich gemeint sein. Lobt man zu oft, verliert das Lob schnell an Wirkung.

Der Chef sorgt für eine gute Struktur im Betrieb, so der Idealfall. „Ein Soll/Ist-Vergleich hilft dabei. „Der aktuelle Stand von Projekten muss regelmäßig thematisiert werden“, rät Liebig. „Gründer stellen eine Leitfigur dar. Die Mitarbeiter nehmen ihren Chef als Vorbild : dementsprechend muss er sich auch verhalten und das vorleben, was er von den Mitarbeitern erwartet“.

Bei auftretenden Problemen muss der Gründer Geduld aufbringen und an den Mitarbeiter glauben. Oft wissen unerfahrene Gründer nicht, wie sie mit bestimmten Problemen umgehen müssen, da ihnen die nötige Erfahrung fehlt. Ehrlichkeit hilft hier am ehesten weiter. „Bei einem Stammtisch kann man in lockerer Atmosphäre bei einem Bier hilfreiche Tipps von anderen Gründern einholen“, rät Liebig außerdem.

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Für WirtschaftsWoche.de hat Jörg Stroisch im Redaktionsdienst gearbeitet – und verfasst verschiedene Wirtschaftsartikel.